Aufruf zum Dialog
Kehls im vergangenen Jahr neu gegründete jüdische Gemeinde lädt für den 7. November zu einer Podiumsdiskussion mit Muslimen und Christen ins Kulturhaus ein. VON MARTIN EGGKehl. Inzwischen zählt sie um die 120 Mitglieder, von denen knapp 50 aus Kehl stammen. Und die Vorzeichen stehen weiter auf Wachstum. Kehls jüdische Gemeinde, die sich vor mehr als einem Jahr auf den Weg gemacht hat, gedeiht. An besonderen Tagen, beispielsweise an Chanukka, dem „jüdischen Weihnachtsfest“, kommen dem Vereinsvorsitzenden David Byk zufolge in dem im August 2023 bezogenen Gebetsraum in der Wolfsgrube so viele Menschen zusammen, dass er aus den Nähten bricht.
Beten im Flachbau
Auch wenn Byk mit den bezogenen Räumlichkeiten in einem an einen Supermarkt angrenzenden Flachbau grundsätzlich zufrieden ist, stellt Platz für die Kehler Juden durchaus ein Problem dar; eine echte Synagoge gibt es schließlich nicht mehr. Selbst an der noch provisorisch anmutenden Einrichtung, bestehend aus gebrauchtem Grundschulmobiliar, und den kargen Wänden hat sich seit dem Einzug wenig geändert. Tische und Stühle erfüllen zwar meist ihren Zweck, mehr aber auch nicht.
Eigener Kindergarten?
Als großes Ziel hat sich der jüdische Verein Kehl den Aufbau eines gemeindeeigenen Kindergartens gesetzt. Ihn sollen vor allem die vielen russischsprachigen Kinder von Gemeindemitgliedern besuchen, die derzeit in Straßburg betreut werden und deshalb große Schwierigkeiten haben, Deutsch zu lernen. Das Problem: Laut Byk sind zwar Erzieher vorhanden, allerdings fänden sich in Kehl einfach keine passenden Räume. Man erhoffe sich bei der Suche weitere Unterstützung durch die Stadt.
Seit Wiederaufflammen des Nahostkonflikts sehen sich Juden in Deutschland wieder verstärkt Antisemitismus ausgesetzt. Ob das Anzünden der an der Eingangstür zum Gebetsraum angebrachten Mesusa, die im Februar die Polizei auf den Plan gerufen hatte, zu dieser Kategorie gehört, dessen ist sich Byk nicht sicher. Zumal die Täter bis heute nicht ermittelt wurden. Bei einer Begehung hätten Vertreter des Landeskriminalamts jedenfalls aus Sicherheitsgründen teure bauliche Veränderungen im Bereich von Fenstern und Türen empfohlen – auch als Schutz für die wertvolle, in mühevoller Arbeit von Hand geschriebene Torarolle. Bei dem Schriftstück aus Pergament handelt es sich um eine Dauerleihgabe der jüdischen Gemeinde Baden-Baden.
Bekritzelte Wand
Unbekannte, berichtet Byk, hätten außerdem „Free Palestine“ („Befreit Palästina“) auf die Außenfassade des Gebetsraums gesprüht. Dabei habe man hier in Kehl keinen Einfluss auf das, was in Nahost passiere. Dennoch: „Über Judentum und Islam gemeinsam zu sprechen, ist nicht einfach in diesen Zeiten.“
Am Mittwoch, 7. November, soll zumindest ein Versuch unternommen werden: Mit „Judentum, Christentum, Islam im Dialog für Verständigung und Zusammenhalt“ ist eine Veranstaltung überschrieben, zu der der Jüdische Kultur- und Religionsverein Kehl, der Moschee-Verein Integration und Verständigung sowie die Evangelische Kirchengemeinde Kehl von 14 bis 16 Uhr ins Kulturhaus einladen. An einer Podiumsdiskussion beteiligen sich neben dem Juden David Byk die Muslime Mohamad Hajir und Mostafa Sadki sowie Martin Kramer und Bettina Kretz auf protestantischer Seite.
Grußworte sprechen Kehls Oberbürgermeister Wolfram Britz, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, sowie Landesrabbiner Mosche Flomenmann. Es gehe, so Byk, an dem Nachmittag in erster Linie um die „Herausforderungen interreligiöser Zusammenarbeit auf lokaler Ebene“.
Weitere Informationen: www.jkehl.de
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