Offenburger Tageblatt - Schwarzwald-Zeitung, 31.10.2024

 

Vom Karateka zum Pfarrer

75 Jahre Gymnasium Hausach (14): Was wurde aus ehemaligen Robert-Gerwig-Gymnasiasten? Wir stellen besondere Schülerkarrieren vor. Heute: Rüdiger Krauth aus Hausach. VON CLAUDIA RAMSTEINER

Hausach. 24 Jahre lang war Rüdiger Krauth Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Adelsheim-Boxberg in Nordbaden mit 31 Kirchengemeinden. Die Grundlage dafür, dass er sich für ein Theologiestudium entschied, wurde bereits in seiner Kindheit gelegt – in der evangelischen Jugend in Wolfach und im Religionsunterricht des Hausacher Gymnasiums.

Er erinnert sich gut an seine Schulzeit. Er sei sehr gern in die Schule gegangen, weniger wegen des Lernens als wegen der sozialen Kontakte. Von den damaligen Klassenteilern kann man heute nur träumen: Gerade mal 14 Schüler waren in seiner Klasse, die 1978 das Abitur abgelegt hat, darunter nur vier Mädchen. Die kleine Klasse habe allerdings ein intensives Lernen ermöglicht, „verstecken in der Masse ging nicht“. Rüdiger Krauth gibt aber gern zu, dass er „nicht alle Energie ins Erreichen des Abiturs gesteckt hat“. Der Sport, vor allem Tennis und Karate, war ihm viel wichtiger.

Sehr beeindruckt habe ihn damals auch der Schüleraustausch mit Arbois. Er habe das Französisch zwar beruflich nie gebraucht, aber er fand es klasse, dass Lehrerinnen wie Angela Menke ihren Schülern über die Sprache hinaus auch die Kultur des Landes näher gebracht haben. „Sprachen braucht man einfach, um die Menschen zu verstehen“.

Parallel zum Religionsunterricht war es auch die evangelische Jugendarbeit, in der sein Interesse an der Theologie gewachsen ist, und auch der Militärpfarrer beim Wehrdienst hatte seinen Teil dazu beigetragen. In Tübingen hat er sich für Theologie und Mathematik eingeschrieben, noch mit der Absicht, Lehrer zu werden. In die Theologie sei er dann aber so schnell und intensiv reingewachsen, dass er während des Studiums in Tübingen und Kiel die Entscheidung traf, doch lieber Pfarrer zu werden. Dafür waren die Altsprachen Griechisch und Latein wichtiger als Mathe.

Die Vikarzeit bezeichnet Rüdiger Krauth als „Lehr- und Wanderjahre“. In Pforzheim erinnert er sich an einen „sehr guten Lehrpfarrer“, der dort „wesentlich moderner und frecher auftrat als wir es aus dem Kinzigtal kannten“. Es folgten noch ein Jahr Mosbach-Dallau im Neckar-Odenwald-Kreis und ein Jahr Offenburg.

„Bauernpfarrer“

Seine erste Pfarrstelle trat er 1990 in Bad Dürrheim-Öfingen an mit halbem Deputat als Gemeindepfarrer, die andere Hälfte war er als Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Land für die Region Schwarzwald-Bodensee tätig, so „eine Art Landvolkpfarrer“. Zehn Jahre lang hatte der „Bauernpfarrer“ eng mit dem Bauernverband, mit Landwirten und Landfrauen zusammengearbeitet. Auch ethische Themen wie Gentechnologie waren damals an der Tagesordnung.

Und es lässt sich an dieser Stelle auch gleich eine weitere Schülerkarriere mit einflechten. Wer wissen will, was aus Ursula Schulz geworden ist, die 1981 ihr Abitur am Hausacher Gymnasium ablegte: Sie hat Landwirtschaft studiert und heiratete 1984 Rüdiger Krauth. Die beiden haben sich schon in der evangelischen Jugend kennengelernt und noch während ihrer Studienzeit geheiratet.

In Öfingen lebten die Krauths in einem großen Pfarr hof, hielten Milchschafe, und die Pfarrfrau hat noch die Ausbildung zur Molkereifachfrau draufgesetzt und betrieb eine Hofkäserei. Ihre vier Kinder konnten dort wunderbar aufwachsen.

Neues Kapitel

Doch dann schlugen sie ein ganz neues Kapitel ihres Lebens auf. In Adelsheim-Boxberg in Nordbaden wurde ein Dekan gesucht: 21.000 evangelische Christen, 31 Kirchengemeinden mit 16 Pfarrstellen, für die ein Dekan auch die Personalverantwortung trägt sowie die Mitverantwortung für das Diakonische Werk im Landkreis und meist auch für das kirchliche Verwaltungsamt. Rüdiger Krauth bewarb sich auf das Amt, sie verkauften ihre Tiere und zogen an die Jagst: „Die haben wir mit den Kindern zunächst mal mit geliehenen Kanus erkundet.“

Seine Arbeit habe ihm immer große Freude gemacht: „Man kann gestalten, Akzente setzen, auf Veränderungen reagieren, und man hat immer mit vielen verschiedenen Menschen aller Generationen zu tun.“ Im Juni wurde Rüdiger Krauth aus dem Pfarrdienst verabschiedet – und musste damit auch aus dem Pfarrhaus ausziehen. Ein halbes Jahr haben die beiden, deren Kinder längst aus dem Haus sind, nach einer neuen Bleibe gesucht und sie in Oberndorf am Neckar gefunden. Dort leben sie nun seit Juli und sind sehr zufrieden: „Wir wollten lieber auf die Höhe, wir mögen die rauhere Natur“, und von hier aus sind sie in einer Dreiviertelstunde in ihrer alten Heimat im Kinzigtal, um familiäre Beziehungen zu pflegen.

INFO: Am nächsten Donnerstag stellen wir Isabel Pasternack aus Gutach vor und ihre Rolle für die Erfüllung der Klimaverpflichtungen des Pariser Abkommens.