Wie gehen Protestanten mit dem Wandel um?
Region Mittlerer Leimbach als Beispiel für Strategieprozess 2032 der Evangelischen Kirche – Erfolgsrezept: die Lebenswelt im Blick
Von Felix HüllLeimen. Gut aufgestellt sieht Dekanin Katharina Treptow-Garben die Institutionen im evangelischen Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz: „Wir haben ein Angebot zu machen“, sagt sie stolz über die evangelische Kirche mitten im Strategieprozess 2032. Mit diesem Wort bezeichnet die Badische Evangelische Landeskirche ihren Strukturwandel angesichts sinkender Mitgliederzahlen und zurückgehender Kirchensteuereinnahmen. Der Druck auf die Kirchengemeinden nimmt zu, ob und wie die bisher bestehenden protestantischen Einrichtungen aufrechterhalten bleiben können. „Als Christen haben wir einen Begründungszusammenhang“, beschreibt Leimens Pfarrerin Natalie Wiesner, wie sie dabei festen Boden unter den Füßen behält. „Sei getrost und unverzagt!“ heißt es unter anderem in der Bibelstelle Josua 1,9. Mit Verweis darauf nehmen Dekanin und Pastorin im Gespräch mit der RNZ vor dem Reformationstag zuversichtlich eine Standortbestimmung vor.
Die Kirche und der Stellenplan
„Wir haben ein Vertrauen darauf, ,dass’ es weitergeht. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, ,wie’ das gehen soll“, sagt Dekanin Treptow-Garben. Die frühere Neulußheimer Pfarrerin ist seit Anfang September als Nachfolgerin von Annemarie Steinbrenner Dekanin im Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz mit 19 Kirchengemeinden in vier Regionen. Leimens Protestanten gehören mit den Kirchengemeinden St. Ilgen, Sandhausen und Nußloch zur Region Mittlerer Leimbach. Das sind insgesamt 15 000 Gemeindemitglieder, für die neun Hauptamtlichen-Stellen vorgesehen sind – sieben Pfarrerinnen oder Pfarrer sowie zwei Stellen für eine Diakonin oder einen Diakon. Von den neun Stellen sind aktuell vier nicht besetzt. Gleichwohl ist im Kirchenbezirk wie auch in der Region Mittlerer Leimbach das Kirchenleben aktiv und rege. So wirkt die direkte Frage nach dem „Wie weiter in Zukunft?“ fast schon irritierend – es läuft doch.
Die Kirche und die „Eventisierung“
„Wir haben super tolle Leute, die Kirche mit entscheiden“, lobt etwa Dekanin Treptow-Garben. Pfarrerin Wiesner greift aus den Angeboten in Leimen Beispiele heraus: Da sind die Familienhilfen, die Präsenz auch auf Veranstaltungen außerhalb des Kirchenraums zeigen. Wie etwa bei Hochzeitsmessen, Festivitäten, Kerwen oder bei politischen Aktivitäten wie beim Bündnis „Leimen bleibt bunt“. Hinzu kommen die herkömmlichen „Dienstleistungen“ wie Gottesdienste, Kirchenmusik mit Konzerten, Kirchen- und Posaunenchor, Konfirmandenarbeit und Gemeindekreise. Es gibt sie beispielsweise für Frauen, Senioren, Jugend, Kinder, als Krabbelgruppe oder ökumenischer Tanzkreis „Cross-Dancers-Leimen“. Gleichwohl stellen auch die beiden Pfarrerinnen Veränderungen gegenüber früher fest, was Rolle und Bedeutung von Kirchen in der Gesellschaft betrifft. „Man bindet sich nicht mehr so an eine Gemeinschaft“, erklärt Pfarrerin Wiesner. „Wir stellen auch hier eine ,Eventisierung’ fest.“ Einzelereignisse und Events bewegten die Leute. Dazwischen sinke die Bereitschaft, sich auf Dauer verlässlich zu engagieren.
Die Kirche und die Organisation
Für Hauptamtliche ergibt sich daraus die Aufgabe, das Vorhandene zu koordinieren. Etwa „wenn ein Ehrenamtlicher sagt, ich würde diese Aufgabe übernehmen, kann das aber erst später und nur für zwei oder drei Jahre tun“, so Dekanin Treptow-Garben. Koordination der Beteiligten im Kirchenalltag – das ist nichts Neues, das hat es schon bei den protestantischen Anfängen gegeben. Als die frühere Zisterzienserinnen-Nonne Katharina von Bora später zur Frau des Reformators Martin Luther wurde, hat sie die alltagspraktische Hauswirtschaft des Reformators mit seinen vielen Besuchern und Gästen als Luthers „Herr Käthe“ organisiert, wie ein Ausspruch des Ehemanns halb ironisch, halb bewundernd überliefert wird. Obwohl die Mitgliederzahlen sinken, gilt das nicht für die Notwendigkeit kirchlicher Angebote; Natalie Wiesner nimmt wieder das Beispiel Familie. Allen emanzipatorischen Bestrebungen zum Trotz nehme das klassische Familienverständnis wieder zu: Mütter allein zu Hause mit den Kindern und den Problemen. Die Kindergärten sind da nur eine Unterstützung für Familien. Wiesner: „Man hat die Lebenswelt vor der Nase. Daraufhin gilt es, die Gemeindearbeit zu entwickeln.“ Wiesner erwähnt etwa, dass seit der Corona-Pandemie in Familien die Probleme von Kindern zugenommen haben, was die sonstigen Probleme etwa mit pubertierenden Mädchen und Jungen noch weiter vergrößert. „Verschiedene Lebenssituationen haben verschiedene Herausforderungen“, beschreibt es Pfarrerin Wiesner und erwähnt das Leimener Beispiel Familienzentrum und die Arbeit der Familienpaten, für die Karin Beier engagiert ist. Dies soll auch für andere Orte folgen. Ein anderes Aufgabengebiet sind Aktivitäten, mit denen man gegen Einsamkeit im Alter vorgeht und Senioren Gemeinschaft ermöglicht. Ganz zu schweigen von den sozialen Aufgaben des Diakonischen Werks. Wiesner: „Wir müssen uns nicht verstecken mit dem, was wir machen.“
Die Kirche und die „Kasualien“
Bei den „Kasualien“ wie etwa Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen haben die Hauptamtlichen im Rahmen der Region Mittlerer Leimbach einen gemeinsamen Dienstplan erstellt. So vertreten sich die Pfarrer und Pfarrerinnen gegenseitig in Urlaubszeiten und stellen die seelsorgerliche Erreichbarkeit von Kirche in den vier Gemeinden Leimen, St. Ilgen, Sandhausen und Nußloch sicher.
Die Kirche und die Reformation
Gerade zu einem Gedenktag wie der Wiederkehr der Feiern von Luthers Thesenanschlag an der Kirche von Wittenberg von 1517 sei es kein Fehler, einmal zu überlegen, was Kirche in der Gesellschaft bedeute und ob man riskieren wolle, dass Kirche wegfällt. „Wir haben ja auch eine Botschaft: Dass Du so wie Du bist, gut bist. Das sind Botschaften, die nach wie vor wichtig sind“, erinnert Dekanin Treptow-Garben an die Ursprünge der Reformation, bei denen Luther seine Thesen anfangs in Briefen geistlichen Würdenträgern und Bischöfen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zugesandt hatte. Vorherrschende Ansicht war damals, dass man sich mit Geld Erlösung von der Sünde erkaufe – den Ablass. Luther sah dies durch Jesu Opfertod am Kreuz bereits geschehen.
Die Kirche und der Feigenbaum
Am 31. Oktober stehe die Evangelische Kirche in Leimen da, wie der Feigenbaum im Garten des Pfarrhauses am Kapellenweg 1, merkt Pfarrerin Natalie Wiesner an: Obwohl dieser Baum eine größere Rindenverletzung am Stamm hat, treibt er weiter kräftig aus und trägt dieses Jahr besonders viele Früchte. Diesen Baum sieht Wiesner als passendes Sinnbild für die Situation der Kirche vor Ort.