Das ist die neue Kantorin
Charlotte Noreiks führt seit September das Bezirkskantorat Neckar-Bergstraße. Am Sonntagabend wird sie offiziell in ihr Amt eingeführt. Philipp WeberWeinheim. Es ist eine jener vielen Weinheimer Altstadt-Kuriositäten, dass das Evangelische Bezirkskantorat Neckar-Bergstraße an der Höllenstaffel liegt. Ist man in dem Gebäude zu Gast, kann man den steilen Aufgang von der Stadtmühlgasse an die Hauptstraße aber auch auf kirchlichem Boden bewältigen. Auf etwa halber Höhe hat sich Charlotte Noreiks ein Provisorium aufgebaut.
Ihr künftiges Büro muss noch instand gesetzt werden. Sie empfängt die RNZ daher in einem Raum des Evangelischen Kinder- und Jugendwerks, mit dem sich das Kantorat das Gebäude teilt. An den Wänden lehnen eine große Collage, volle Bücherregale und abgedeckte Geräte. Doch im großen Saal ein Stockwerk höher proben abends schon die Chöre: Noreiks wird am Sonntag, 20. Oktober, in der Peterskirche in ihr Amt eingeführt. Der Gottesdienst mit musikalischer Gestaltung beginnt um 18 Uhr.
Noreiks erblickt 1993 in Mannheim das Licht der Welt. Sie wächst im benachbarten Ludwigshafen auf. "Aber wenn man dort lebt, ist man fast automatisch mit Mannheim verbandelt", sagt sie. Sie fährt öfter über den Rhein, um Leute zu treffen oder in die Tanzschule zu gehen.
Als sie den Gesang für sich entdeckt, ist sie noch etwas jünger: "Mit zehn, elf Jahren wurde ich Mitglied im Stadtteilkirchenchor", erzählt sie. Später besucht sie das Kirchenmusikalische Seminar, lernt das Orgelspiel und wagt erste Schritte als Chorleiterin. So reift in ihr der Entschluss heran, ihre Leidenschaft für Musik zum Hauptberuf zu machen.
Sie besteht die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Dort studiert sie Kirchenmusik, elementare Musikpädagogik und Gesang. In dieser Zeit lernt sie die Arbeit an Musikschulen kennen. Die Erfahrungen mit den Kindern empfindet sie als bereichernd. "Aber mich hat die große Gestaltungsfreiheit einer Kantorin gereizt", erklärt sie. Die Stellen an kommunalen Musikschulen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hätten für Chorleiter ohnehin ihre Tücken, "zu oft arbeitet man unter Honorarvertrag und wird für seine Ausbildung nicht angemessen bezahlt".
Im April 2022 wird Noreiks Kantorin im Evangelischen Kirchenbezirk Bad Dürkheim-Grünstadt. Die von ihr geleiteten Chorgruppen reichen vom Kinder- bis zum Seniorenchor. Die Konzertreihen "Bad Dürkheimer Orgelsommer" und die "Seebacher Abendmusiken" übernimmt sie von ihren Vorgängern und setzt sie fort. Doch in Weinheim will sie länger bleiben. "Es ist ja prinzipiell kein Amt, das man alle zwei Jahre wechselt", sagt sie: "Man möchte etwas aufbauen." Wer Chöre weiterentwickeln will, braucht ohnehin einen langen Atem.
Doch die Stellenausschreibung in Weinheim habe ihr auf Anhieb zugesagt, zeigt sie sich begeistert. Unter dem Dach der Singschule an der Peterskirche sind sechs Chöre angesiedelt. Das Angebot reicht vom Wichtelchor für Drei- bis Fünfjährige bis hin zum anspruchsvollen Jugendchor Vivida Banda. Die Kantorei zählt um die 100 Mitglieder, auch ein evangelischer Gospelchor tritt regelmäßig in Weinheim auf. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Interessenten für den Unterricht an der viermanualigen Walcker-Orgel in der Peterskirche.
Das Team sei ebenso kompetent wie engagiert, erinnert Noreiks unter anderem an die Leiter von Posaunenchor, Jungbläsern sowie Wichtelchor oder Seniorenchor – und an diejenigen Dirigenten, die die eigentlich für die Kantoratsleitung vorgesehene Arbeit in den letzten Monaten der Vakanz gemeistert haben. "Verglichen mit Bad Dürkheim ist die Stelle in Weinheim etwas anders ausgerichtet, vor allem aber ist sie eine Nummer größer."
Ihren Laptop hält Noreiks stets griffbereit. "Es geht jetzt erst einmal darum, wieder den Alltag einzuläuten", sagt sie. Schon seit dem 1. September füllt sie ihre neue Stelle aus. Diese hatte sich zuvor das Ehepaar Anne und Simon Langenbach geteilt, ebenso wie das Kantorat an der Weinheimer Peterskirche. Anne Langenbach hatte bereits im November 2023 eine leitende Stelle bei der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck mit Sitz in Kassel angetreten.
Ihr Mann blieb noch ein paar Monate länger, folgte seiner Frau dann aber nach. Die beiden Träger des Kirchenmusikpreises 2017 haben Noreiks ein reiches Erbe hinterlassen: So wurde die von Anne Langenbach aufgebaute Singschule anno 2013 mit dem "Echo Klassik für Nachwuchsförderung" ausgezeichnet.
Doch Herausforderungen wie Corona haben auch vor der Singschule nicht Halt gemacht. "Besonders gut könnten wir die Stimmen jüngerer Männer gebrauchen", meint Noreiks. Bei der organisatorischen Arbeit im Bezirk muss sie nun schauen, wie es um die Besetzung nebenberuflicher Chorleiter- und Organistenstellen zwischen Laudenbach und Edingen steht. Hierbei steht das Bezirkskantorat den Gemeinden beratend zur Seite.
Außerdem sortiert sie die Chöre der Singschule durch. Welche der jungen Singenden sind noch im richtigen Alter für die entsprechende Chorgruppe? Wer kann schon das Angebot für die nächsthöhere Altersstufe nutzen? Und dann gilt es, die Orgelschüler zu betreuen. Jeden Dienstag steht sie von 9.30 bis 17 Uhr auf der Empore der Peterskirche und erteilt Unterricht. Persönlich an das Instrument setzt sie sich im Orgeldienst.
Wie die früher von zwei Menschen geleistete Arbeit künftig aufgeteilt wird, muss sich noch zeigen. Sechs Chorproben pro Woche bedeuten viel Aufwand, wenn die Leiterin sie ernsthaft vorbereitet und noch weitere Aufgaben zu erfüllen hat. "Meine Vorgänger haben sehr gute Arbeit gemacht", sagt Noreiks. Aber natürlich habe jeder Chorleiter seinen eigenen Stil. Sie wird nun viele Gelegenheiten haben, den ihrigen einzubringen.
![]() |