Pforzheimer Zeitung, 19.10.2024

 

Ist interreligiöse Erziehung möglich?

Pforzheimer Kita Irenicus wird zum Vorbild für ganz Deutschland.

Neue Impulse in der Pädagogik: Theologe stellt Buch über das Projekt vor. Stefan Friedrich

Pforzheim  Die Kita Irenicus hat bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt und nach den Worten von Professor Friedrich Schweitzer, blickte man selbst in Berlin ein bisschen neidisch auf das, was hier erreicht worden sei. Der Theologe muss es wissen, schließlich hat er die ersten Schritte der Kita begleitet und seine Erkenntnisse in einem Buch aufbereitet. „Eine Kita für alle Religionen – Neue Impulse für die Elementarpädagogik“, lautet der Titel dieses Werks, das am Donnerstagnachmittag im Haus der Evangelischen Kirche vorgestellt worden ist.

Eigentlich habe er daran
gedacht, das Buch unter dem Titel „Was die Welt von Pforzheim lernen kann“ zu veröffentlichen, sagt Schweitzer in diesem Rahmen. Der Verlag hätte allerdings ein Veto eingelegt, weil dadurch die Zielgruppe zu eng gefasst gewesen wäre. „Das Buch soll man als Lernprogramm nutzen können“,
erklärt Schweitzer – unter anderem in den Fachschulen des Landes. Es hat zwölf Kapitel und ist so aufgebaut, „dass auch Menschen, die mit der Materie vielleicht zunächst gar nicht vertraut oder überzeugt seien, angesprochen und gleichsam mitgenommen werden“, so der Theologe. Das soll gelingen, indem sich der Autor zunächst der Frage widmet, warum Kinder Religion brauchen, um dann anhand von Praxisimpulsen und Hinweisen zu Materialien zu skizzieren, wie eine Kita der Religionen gestaltet.

In Pforzheim haben sie diesbezüglich viele Erfahrungen gemacht. „Die Erwartungen von außen waren groß“, erinnert sich Sabine Jost, die froh ist, dass es nun „ein Best Practice Beispiel gibt, von dem man lernen kann“, weil es letztlich um die Kinder gehe, um deren Zukunft und deren Chancen. „Gerade die Zeit der ersten Überlegungen war eine sehr aufregende Zeit“, verrät Jost. Sie habe sich damals die Frage gestellt, warum ausgerechnet in Pforzheim die erste Kita für alle Religionen gegründet werde, wo es doch sicherlich auch andere Kommunen mit ähnlichen Überlegungen gegeben habe. „Sind die Herausforderungen so groß, dass sich niemand traut?“ Die Antwort aus heutiger Sicht gibt Bürgermeister Frank Fillbrunn: Die Kita Irenicus „hat nicht nur bei uns in der Stadt, sondern über unsere Stadtgrenzen hinaus ein Zeichen gesetzt.“ Bundesweit werde auf dieses „wirklich einmalige“ Projekt geblickt, das die Kinder auf ein Leben in einer pluralen Gesellschaft vorbereitet.

Als 2016 erstmals die Idee im Raum stand, eine rein muslimische Kita zu machen, sei deshalb schnell klar gewesen: „Wir brauchen etwas, wo die verschiedenen Kulturen und die verschiedenen Religionen von früher Kindheit an zusammengeführt werden“, beschreibt Frank Johannes Lemke die Sicht der Gesellschafter. „Wir leben seit langer Zeit in einer vielschichtigen kulturellen und religiösen Gesellschaft und das ist
bereichernd, auch wenn manche Irritationen auftreten und uns manchmal unwohl sein mag.“ Das liege vor allem daran, dass man die Besonderheiten der anderen Kulturen nicht versteht, „und da denke ich, ist es gerade richtig, dass wir an die Kleinsten herangehen und versuchen, sie ganz
gezielt zusammenzuführen“, so Lemke. Und auch Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt sieht in der
Kita Irenicus eine konsequente Weiterentwicklung. Kitas seien schon immer auch Orte der Begegnung und des Miteinanders gewesen; „eine Kita für alle Religionen geht einen Schritt weiter.“ Der Blick auf die Religionen liege als „elementare Perspektive menschlichen Lebens gewissermaßen in den Genen dieser Einrichtung.“ Das vorliegende Buch von Schweitzer unterstreiche das. „Es erlaubt, Impulse aufzunehmen und Formen interreligiöser Bildung und Erziehung zu reflektieren“, so Schmidt. „Meine Hoffnung ist, dass dies an möglichst vielen Orten
gelingen möge.“  


Wolfgang Schmidt, Oberkirchenrat
„Meine Hoffnung ist, dass dies an möglichst vielen Orten gelingen möge.“