Kirche trennt sich vom Kindertagheim
Nach 50 Jahren endet im Sommer die Trägerschaft Welche Gründe Pfarrer Sebastian Degen nennt VON DIRK THANNHEIMERPfullendorf – Betriebsende nach sage und schreibe 50 Jahren: Die evangelische Kirchengemeinde trennt sich im Sommer 2025 vom evangelischen Kindertagheim. Ob Pfullendorfs ältester Kindergarten in Zukunft mit einem neuen Träger weitergeführt wird, ist noch unklar.
Das 50-jährige Bestehen des evangelischen Kindertagheims wurde Ende September mit einem Geburtstagsgottesdienst in der Christuskirche gefeiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung bereits gefallen, dass die evangelische Kirchengemeinde nach dem laufenden Kindergartenjahr 2024/2025 ihre Trägerschaft beendet.
Die knapp 20 Mitarbeiter wurden vom evangelischen Pfarrer Sebastian Degen schon vor den Sommerferien über die Trennung informiert, die Eltern der etwa 70 Kinder erhielten kürzlich Post von Degen und Jörg Pathel, Vorsitzender des Kirchengemeinderats. Im Schreiben an die Eltern wird das Ende der Trägerschaft damit begründet, dass sich die Trägerin mit vielen Herausforderungen – darunter vor allem der bauliche Zustand des Gebäudes – konfrontiert sehe und feststellen müsse, dass diese Herausforderungen die Kirchengemeinde finanziell und personell überfordern würden.
Pfarrer Degen wird auf Anfrage des SÜDKURIER konkreter: „Wenn wir heute zurückschauen, müssen wir feststellen, dass sich die Standards in der Kinderbetreuung in den vergangenen Jahren stark gewandelt haben. Im Sinne einer Kinderbetreuung, die sich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert, ist dies ausnahmslos zu begrüßen.“ Aber: „Leider ist die Situation in unserem Kindertagheim so, dass viele der baulichen Standards nicht oder zumindest – für unseren Anspruch an die Qualität der Kinderbetreuung – nicht ausreichend erfüllt werden können“, so Degen.
Und Degen muss auch eingestehen, dass die Anpassung der aktuellen baulichen Standards sicherlich machbar sei, jedoch die evangelische Kirchengemeinde als Trägerin personell und auch finanziell überfordern würde. Gerade der bauliche Zustand des Tagheims wurde in den vergangenen Jahren immer wieder thematisiert – von der Kirchengemeinde, von Eltern, vom Gemeinderat. So wurden bisherige Planungen eines Neubaus des Kindergartens auf dem vorgesehen Schulcampus nicht realisiert. Verbessert wurde indes der Zustand kaum. Die Krippenkinder werden seit 2010 in Containern betreut, die eigentlich als provisorische Lösung gedacht waren.
Der Betriebskostenvertrag mit der Stadt Pfullendorf wurde demnach fristgemäß gekündigt, der Kirchengemeinderat hat die Geschäftsführung des zuständigen kirchlichen Verwaltungs- und Serviceamts damit beauftragt, zukunftsfähige alternative Trägermodelle zu evaluieren. Pfarrer Degen betont an dieser Stelle, „dass es sich bei dieser Entscheidung nicht um eine Entscheidung gegen das Kindertagheim, gegen die dort betreuten Kinder oder gegen die dort beschäftigten Mitarbeiter handelt“.
Vielmehr würde es darum gehen, jetzt die Weichen so zu stellen, dass eine qualitativ hochwertige Betreuung der Kinder in Pfullendorf langfristig gesichert sei, um die Tradition des Kindertagheims weiterführen zu können.
Im Brief an die Eltern wollen die Verfasser des Schreibens den Eltern versichern, dass es für sie höchste Priorität habe, den Weiterbetrieb des Kindertagheims unter neuer Trägerschaft sicherzustellen. Daher ist es der Kirchengemeinde auch wichtig, auch im Trennungsjahr zu investieren – in Gruppenküchen, Toilettenabtrennungen und einen neuen Zaun sowie die Einstellung von einer Erzieherin und einem Erzieher. Denn auch die Mitarbeiter sind nach der Bekanntgabe verunsichert, bangen teilweise um ihren Job.
Wie es nun weitergeht? Als mögliche neue Trägerin des Kindertagheims wird die Stadt Pfullendorf gehandelt. Bürgermeister Ralph Gerster lässt sich aber nicht in die Karten schauen, dementiert aber auch nicht, dass es ausgeschlossen sei, dass die Stadt das Tagheim übernimmt. „Wir sind jedenfalls für alles offen und sind gesprächsbereit“, so Gerster auf Anfrage des SÜDKURIER.
Sebastian Degen jedenfalls würde sich über eine schnelle Lösung freuen. Es wäre ein großer Trost für den Pfarrer, dem anzumerken ist, dass ihm diese Entscheidung schlaflose Nächte gekostet hat. „Ich bin traurig und trotzdem überzeugt davon, dass es letztlich die richtige Entscheidung war.“
70 Kinder
Das Familienzentrum Kindertagheim der evangelischen Kirchengemeinde hat vier Ganztagesgruppen mit Kindern von drei bis sechs Jahren und eine Krippengruppe für Kinder von ein bis drei Jahren. Die christliche Orientierung bestimmt die Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder. Zu den verlässlichen Strukturen zählen rhythmische musikalische Angebote, wöchentliche Morgenkreise, regelmäßiges Turnen, religionspädagogische Angebote, feste Ruhezeiten und ein Mittagessen. Derzeit sind dort etwa 20 Beschäftige tätig, die rund 70 Kinder betreuen.