Die Erde zieht weiter
Mehr als 90.000 Besucher: Nach drei Wochen endet die Kunstinstallation Gaia Arne OestKarlsruhe. In der Evangelischen Stadtkirche am Karlsruher Marktplatz wird am Montagnachmittag fleißig gewerkelt. Arbeiter sind damit beschäftigt, die sieben Meter große Weltkugel Gaia abzubauen. Am Sonntag ist der dreiwöchige Aktionszeitraum des Kunstprojekts Gaia offiziell zu Ende gegangen. Am Montagfrüh konnten dann noch Schul- und Kitaklassen die Installation des britischen Künstlers Luke Jerram besichtigen, die bislang noch keine Gelegenheit dazu hatten. Bilder vom Abbau sind übrigens nicht verfügbar, da Jerram dies nicht möchte.
Doch wie kam das Projekt an? „Natürlich hatten wir gehofft, dass viele Menschen Gaia besichtigen, aber die Resonanz ist einfach überwältigend“, so Claudia Rauch, Pfarrerin der Alt- und Mittelstadtgemeinde. Mehr als 90.000 Besucherinnen und Besucher hat das elektronische Erfassungssystem im dreiwöchigen Aktionszeitraum gezählt. Hierbei sind auch die Besuche von Schul- und Kitaklassen mit berücksichtigt. Rund 500 waren es noch einmal am Montag.
Dass die Stadtkirche über einen so langen Zeitraum solche Besucherzahlen hat, sei schon außergewöhnlich. „Es gab auch in der Vergangenheit immer schon Projekte in der Stadtkirche, die super liefen. Aber Gaia ist schon etwas Besonderes“, so Rauch zur Gaia-Halbzeit gegenüber dieser Redaktion. „Es hat sich eine richtige Eigendynamik entwickelt“, so Kirchenmusikdirektor Christian-Markus Raiser.
Viel wichtiger als die reine Besucherzahl ist für Rauch aber die Resonanz der Besucher. „Es kommen Leute in die Kirche, die sonst nicht kommen. Das ist ein tolles Gefühl“, so Rauch. Es gehe vor allem darum, wie Gaia bei den Einzelnen ankomme. Eine Begegnung ist der Pfarrerin dabei besonders in Erinnerung. „Mir kam ein Mann entgegen, der geweint hat. Er hat gesagt: ,Das müsste Donald Trump sehen‘“, erinnert sich Rauch.
Solche Resonanz zeigt auch ein Blick in das Gästebuch, das in der Stadtkirche ausliegt. Hier sind alle Seiten belegt. Besucher schreiben ihre Gedanken zu Gaia nieder. Und das Gästebuch zeigt auch, dass die Besucher nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland den Weg in die Stadtkirche gefunden haben. Teilweise, besonders an Wochenenden, standen die Besucher sogar bis zum Rathaus Schlange, um Gaia zu sehen. Für das Gästebuch werde ein geeigneter Platz für die Zukunft gesucht, so Rauch.
Auch die Begleitbroschüre zu Gaia war so sehr nachgefragt, dass diese nach der Hälfte des Aktionszeitraums nachgedruckt werden musste.
Vereinzelt gab es jedoch auch Kritik – nämlich an der mangelnden Barrierefreiheit. Einen Aufgang für Rollstuhlfahrer gibt es am Hintereingang der Stadtkirche. Dieser ist aber auch nicht für alle Modelle geeignet. „Da muss etwas geschehen, was wollen wir schon lange angehen“, so Rauch. Alleine kann die Pfarrerin aber nicht tätig werden, da die Stadtkirche dem Land Baden-Württemberg gehört. Generell werde das gesamte Feedback, positiv wie negativ, ausgewertet.
Für das Kunstprojekt war es erst die dritte Station auf deutschem Boden. Bei Gaia soll der Blick auf die Erde, wie ihn sonst nur Astronauten haben, zum Nachdenken anregen. Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz sollen transportiert werden. Dazu hat die evangelische Kirche auch ein vielfältiges Begleitprogramm rund um die Installation entwickelt. Neben täglicher Konzerte und Abendandachten gab es beispielsweise einen Familientag, Gottesdienste oder auch einen Poetry Slam.
„In diesem Projekt steckt unglaublich viel ehrenamtliches Engagement – ohne dieses Engagement wäre das gesamte Projekt so nicht realisierbar gewesen“, so Rauch weiter. Weit mehr als 50 Ehrenamtliche waren in den drei Wochen im Einsatz. Dass so ein Projekt auch Geld kostet, liegt auf der Hand. Inklusive Rahmen- und Begleitprogramm wurde ein niedriger sechsstelliger Betrag investiert, um Gaia in Karlsruhe zu realisieren. Während der drei Wochen konnten Besucher dann in der Stadtkirche spenden. Wie viel an Spenden zusammengekommen ist, kann Rauch noch nicht sagen. Aktuell würden die Spenden gezählt. „Ich gehe aber davon aus, dass sich das Ganze trägt“, so die Pfarrerin.
Für die Installation des britischen Künstlers Luke Jerram war es vorerst die letzte Station in Deutschland. Die kommenden Termine sind unter anderem im britischen Bristol oder im chinesischen Langfang. Mehrere Ausstellungen laufen dabei parallel, da es auch mehrere riesige Weltkugeln gibt, die an unterschiedlichen Orten zeitgleich installiert sind.
Und für die Evangelische Kirche in Karlsruhe? Was bleibt von Gaia und was kann man für die Zukunft mitnehmen? „Es bleiben ganz wertvolle Kontakte, die entstanden sind“, so Rauch. Und sie kündigt an, dass sich Karlsruhe auf „weitere, neue Projekte“ freuen kann, wenn auch eventuell nicht in der Größenordnung von Gaia. Doch für den bevorstehenden Advent sind weitere offene Formate geplant.
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