Badische Zeitung Rheinfelden, Wiesental, 08.10.2024

 

Es brodelt in der Bergkirche

Christine Würzberg wird den Schönauer Kirchengemeinderat nicht mehr leiten. Das hat für Kritik gesorgt. Hinter den Kulissen scheint es schon länger zu knistern. Würzberg selbst wollte sich nicht äußern.

Schönau Pfarrerin Christine Würzberg ist ab sofort wieder im Dienst. Nach fünfwöchiger Krankheit sei sie, so Dekanin Bärbel Schäfer am Sonntag beim Erntedankgottesdienst in der Schönauer Bergkirche, wieder gesund. Allerdings leite Christine Würzberg nicht mehr den Schönauer Kirchengemeinderat, sondern nur noch den in Todtnau. In Schönau sei sie weiterhin für Gottesdienste, Beerdigungen und den Konfirmanden-Unterricht zuständig. „Sie werden von dieser Veränderung nicht viel merken“, versicherte Schäfer den knapp 40 Gottesdienstbesuchenden.

„Dreist“ nennt der engagierte Kirchgänger Michael Schmidt diese Entscheidung der Dekanin auf Anfrage der BZ. Das sei praktisch eine Amtsenthebung. Es gehe nicht an, dass der Vorsitzende des Kirchengemeinderats Ronald Kaminsky mehr zu sagen habe als die beliebte Pfarrerin. Schmidt befürchtet, dass sich Christine Würzberg wegen des „Mobbings“ aus ihrem Amt zurückziehen und wieder in den Schuldienst zurückkehren werde, was nicht nur er, sondern auch viele andere Mitglieder der evangelischen Gemeinden Schönau und Todtnau sehr bedauern würden.

Der Schönauer Kirchengemeinderat, so Dekanin Schäfer, wird künftig von Pfarrer Martin Rathgeber geleitet, der vom 1. November an die evangelische Gemeinde in Zell übernimmt. Schäfer begründet dies damit, dass Rathgeber bereits 62 Jahre alt sei und keinen Religionsunterricht mehr geben müsse. Daher sei eine Neuverteilung der Aufgabenbereiche notwendig geworden. Auch Kirchengemeinderat Kaminsky wollte lediglich von einer Umstrukturierung sprechen. Er betonte gegenüber der BZ, Pfarrerin Würzberg sei überlastet. Sie habe bereits eine Menge Überstunden, weshalb es richtig sei, dass sie Verwaltungsarbeiten abgeben könne. Schmidt hält diese Argumentation für vorgeschoben: Es gehe nicht an, dass eine Pfarrerin dem Kirchengemeinderatsvorsitzenden weichen müsse, und wirft Kaminsky „großherrliches Getue“ vor.

Zu den Spannungen, die nach Informationen der BZ zwischen Kirchengemeinderat und Pfarrerin Würzberg bestanden haben sollen, äußerte sich Schäfer nicht: „Ich schätze Frau Würzberg sehr. Mit ihren unkonventionellen Gottesdiensten ist es ihr gelungen, Menschen im Oberen Wiesental anzusprechen, die bisher nichts mit Kirche zu tun hatten.“

Die Vorwürfe Schmidts, dessen Tochter in Schönau konfirmiert wurde und dessen Frau Nicole Schmidt sich ehrenamtlich intensiv für die evangelische Gemeinde engagiert, wollte Dekanin Schäfer gegenüber der BZ nicht kommentieren. Sie kenne sie nicht.

Schmidt hatte seine Anschuldigungen gegen Ronald Kaminsky im Juni in einem Schreiben an Landesbischöfin Heike Springhart formuliert. Sie gipfelten darin, dass er dem Vorsitzenden des Kirchengemeinderats vorwarf, käuflich zu sein. Es sei ihm wichtiger, so Schmidt gegenüber der BZ, dass Geld in die Gemeindekasse fließe. Kaminsky habe darauf beharrt, einer holländischen Reisegruppe die Bergkirche für ihre Veranstaltungen zu vermieten, obwohl Christine Würzburgs Recherchen ergeben hätten, dass es sich bei dieser Gruppe um einen „intoleranten, konservativen Zweig handelt, der Rechte von Homosexuellen ablehnt sowie die Todesstrafe befürwortet, gegen die Emanzipation der Frauen wettert und einen Gottesstaat anstrebt“.

Pfarrerin Würzberg habe daraufhin von ihrem Kanzelrecht Gebrauch gemacht und der Gruppe des holländischen Reiseunternehmens Vakanz den Zugang zur Bergkirche verwehrt, was Kaminsky der Pfarrerin nicht vergeben könne. Der Chef des Reiseunternehmens Martien van der Zwan wird auf der Homepage seines ehemaligen Colleges zitiert, er profitiere noch heute von den „identitären Inhalten“ seiner Ausbildung. Im Telefonat mit der BZ erklärte Kaminsky, der sich am Sonntag nicht in Schönau aufhielt, lapidar, es handle sich bei der holländischen Gruppe um einen Zweig der evangelischen Schwesterkirche, die bereits seit 2007 nach Schönau komme.

Auf Nachfrage der BZ erklärte Christine Würzberg, der Leiter der holländischen Gruppe, habe sich ihr per Mail als Anhänger der Chicago-Erklärung (Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel, Anm.der Redaktion) bezeichnet, was sie unter anderem zu diesem Schritt veranlasst habe. Zu den, wie sie es nennt, „gerade sehr unglücklichen Umständen in der Schönauer Gemeinde“ könne sie keine Stellung beziehen. Dies sei Sache des Dekanats.

Als Konsequenz aus den Vorgängen kündigte Michael Schmidt an, dass seine Frau nicht mehr für die evangelische Gemeinde in Schönau arbeiten werde. Bisher war sie dort ehrenamtlich etwa 90 Stunden pro Monat tätig.