Pforzheimer Zeitung, 04.10.2024

 

Vom Krieg im Namen Gottes

Christuskirchen-Pfarrer Stephen Lakkis hat libanesische Wurzeln und einen weiten Blick auf den Nahostkrieg.

Pforzheim. Seit der Nah-Ost-Konflikt erneut ausufert, räumt Stephen Lakkis im PZ-Gespräch ein, wurde er oft interviewt. „Zuletzt vom Deutschlandfunk“. Er fügt hinzu: „Es gibt bei der Badischen Landeskirche keinen weiteren Priester mit einem libanesischen Hintergrund“. Im September 2023 wurde Stephen Lakkis (51) an der Christusgemeinde ordiniert. Seine familiären Wurzeln reichen in den Libanon, aufgewachsen ist er in Australien.

Zu Beginn seines Vortrags „Krieg im Namen Gottes?“ räumt Lakkis mit einer weit weit verbreiteten Fehleinschätzung auf. „Religiöse Gewalt“, betont er, „ist keineswegs nur ein Problem der Muslime“. Er weist auf buddhistischen und hinduistischen Terror in Fernost hin, erwähnt konfuzianische und jüdische Gruppen. Er sieht politische und soziale Probleme als Konfliktursachen, keine religiösen Differenzen. „Wir sollten nicht annehmen, dass unterschiedliche religiöse Gruppen nicht friedlich miteinander leben können. Auch im Nahen Osten“. Als Beleg projiziert Lakkis (Foto: Frommer) Aufnahmen aus Beirut auf den Bildschirm: Dort stehen Moscheen und Kirchen in unmittelbarer Nachbarschaft eng beieinander.

Biblische Rache und Gewalt

Lakkis zeigt weiter auf, dass Gewalt und Rache im Alten Testament eine bedeutende Rolle spielen – innerhalb hebräischer Fraktionen sowie zwischen Israel und seinen Nachbarn. „Gott wird als Rechtfertigung genutzt“. Er liest Tötungsbefehle aus Gesetzen der Israeliten (1 Samuel 15,3) und stellt ihnen Jesus‘ pazifistische Lehre „Liebet eure Feinde!“ gegenüber. Lakkis nennt dies „eine riesige Herausforderung für die frühe Kirche“. Er wirft die Frage auf: „Was ist Selbstverteidigung?“ und macht deutlich „es gibt die Option auf Selbstverteidigung, aber kein Recht darauf“ und zitiert Augustinus: „Ein notwendiges Übel ist immer noch ein Übel“.

„Im Nahen Osten ringen der Iran (Shia) und Saudi Arabien (Sunni) um die Vormachtstellung. Dessen ungeachtet unterstützt die Hezbollah (Shia) die Hamas (Sunni)“, erläutert Stephen Lakkis, „viele sagen, das sei ein Problem des amerikanischen Einflusses“. Zur Bombardierung des Gaza-Streifens nutzt das israelische Militär eine KI-Plattform namens „The Gospel“ („Das Evangelium“).

Die wichtigste Frage sei aber, so Stephen Lakkis abschließend, „wie können wir aus dieser Gewaltspirale ausbrechen?“. Er weiß: „In Nah-Ost gibt es kirchliche und jüdische Gruppen, die es versuchen“. Und er sieht Möglichkeiten mittels Diplomatie, Solidarität, Bildung der neuen Generationen, mit Aussprachen und der Frage nach den Nutznießern des Kriegs aus dem tödlichen Kreislauf auszubrechen. Nachtrag: Der Vortrag fand im Rahmen der „Interkulturellen Woche“ und der „Langen Nacht der Demokratie“ statt. rdf

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