Badische Zeitung Lörrach, Weil am Rhein, 02.10.2024

 

Orientierungspunkt und Predigtkirche

Die Laurentiuskirche erhielt vor 200 Jahren ihre heutige Gestalt. Sie werde den Binzenern auch in Zukunft „eine feste Burg“ des Glaubens sein, war sich Hanspeter Vollmer sicher. Dennoch stimmten seine Reflexionen auch nachdenklich.

BINZEN Das Kirchengebäude stand im Mittelpunkt des Festgottesdienstes, denn die Laurentiuskirche in ihrer heutigen Form wurde vor 200 Jahren, genauer: am 23. Mai 1824, geweiht. Eine Gruppe um Pfarrerin im Ruhestand Renate Krüger schlüpfte zunächst in die Rollen der Sterbe-, Christus-, Friedens-, Hymnus- und Taufglocke, die also einmal nicht nur durch ihr Geläut, sondern auch wortwörtlich zu den zahlreichen Besuchern sprachen. Zu diesen gehörten auch Bürgermeister Andreas Schneucker sowie sein Vorgänger und Ehrenbürger Ulrich May. Die Glocken riefen ihnen ins Gedächtnis, dass sie von der Taufe, über Konfirmation und Hochzeit bis zum Abschied aus dem irdischen Dasein das Leben der Menschen früher viel selbstverständlicher begleiteten als heute. Dieses erfrischende Anspiel führte somit „ein in Gottes Haus“ – ganz so, wie es das vom Kirchenchor unter Alina Kohut intonierte und von Organistin Margot Neubert begleitete Eingangslied verhieß.

In Pfarrerin Bertina Müllers Begrüßung und einer Lesung der Kirchengemeinderatsvorsitzenden Silvia Krebs aus dem Buch der Könige stellte sich die Kirche dann als Ort der Nähe zu Gott vor. Nicht das Gebäude Gottes, sondern der Glaube an ihn ist „die feste Burg“, die Luther in seinem Choral besingt, der nicht fehlen durfte.

Die große Symbolkraft dieser Hymne des Protestantismus passe bestens zur Laurentiuskirche, die in ihrer das Dorf überragenden, wuchtigen Stattlichkeit in der Tat ein wenig wie eine Burg anmute, meinte der langjährige frühere Gemeinderat und Rektor der Binzener Verbandsschule, Hanspeter Vollmer, in seiner Festansprache. Ein Orientierungspunkt war sie schon weit vor 200 Jahren, aber erst 1824 erhielt sie ihre jetzige Form im Weinbrennerstil. Dass es neben enormer Tatkraft und finanzieller Mittel vor allem großen Wagemutes bedurfte, um die kleine gotische Vorgängerkirche abzureißen, den Friedhof zu verlegen und an ihre Stelle das gewaltige neue Gotteshaus mit bis zu 800 Plätzen zu bauen, strich Vollmer besonders heraus.
Denn das Kirchenschiff wurde um 180 Grad gedreht; Altar, Taufstein und Kreuz waren damit nicht mehr nach Osten gen Jerusalem, sondern nach Westen ausgerichtet. Der massive Turm, als einziger alter Gebäudeteil stehengeblieben, beherbergte nicht mehr das „Allerheiligste“, sondern wurde „zur schnöden Eingangshalle degradiert“. Dies bedeutete „den Abschied von einer 1000-jährigen Tradition“, so Vollmer. Aus einer „Chorturmkirche“ zu Ehren von Gottes Pracht war eine „Predigtkirche“ geworden, in der das Wort im Zentrum stand. Diese erfuhr danach maßvolle Umbauten und Neustrukturierungen, behielt ihren Grundcharakter aber bei.

Als weithin sichtbare, Identität stiftende Konstante überdauerte der Turm alle Wirbel der Zeit. Er war „auch ein Ort der Wachsamkeit“. Von seiner hohen Warte aus ließen sich anrückende Gefahren oder Feuer frühzeitig erkennen. Wachsamkeit ist aus Vollmers Sicht nun auch von Kirchengemeinde und politischer Gemeinde gefordert, denn die unter Finanz- und Personalnot leidende Badische Landeskirche hat die Laurentiuskirche auf eine „Gelbe Liste“ gesetzt. Vollmer zeigte sich aber zuversichtlich, dass der Fortbestand mit intelligenten Konzepten gesichert werden kann. Für Vertretungspfarrerin Bertina Müller sind Kirchen auch in Zukunft essenziell.
In der Gemeindeversammlung am 27. Oktober soll Näheres zur Zukunft der Kirchenimmobilien in Binzen und Rümmingen sowie zur Besetzung der gemeinsamen Pfarrstelle bekannt gegeben werden. Diese ist seit gut zwei Jahren vakant.