Pfarrer mit Dienstwohnwagen
Kirche Martin Weber ist Zeltpfarrer. Der evangelische Theologe sieht darin eine große Chance, auch mit Kirchenfernen ins Gespräch zu kommen.
Elisabeth ZollDas Wort „Bewegung“ nimmt Martin Weber durchaus ernst. Der ehemalige evangelische Gemeindepfarrer hat sein Büro gegen einen Zwei-Mann-Wohnwagen eingetauscht. Mit dem ist er jedes Jahr für Wochen bei Zeltfestivals unterwegs. Der 48-Jährige geht dorthin, wo nicht nur kirchennahes Stamm-Publikum ist. Und macht spannende Erfahrungen.
„Für mich ist das der absolute Traumjob“, sagt Martin Weber. „Da passt alles“. Der Theologe war zuvor fast 20 Jahre Gemeindepfarrer in Sankt Johann-Gächingen auf der Schwäbischen Alb und in Kirchberg an der Murr (Rems-Murr-Kreis). Dort hat er sich mit seiner fünfköpfigen Familie verwurzelt, hat sogar ein Haus gebaut. Sollte er dann noch einmal aufbrechen und alles zurücklassen? „Die Landeskirche braucht Flexibilität von ihren Pfarrern und Pfarrerinnen“, sagt Weber. Die Familie wünschte sich Kontinuität. Da war der Hinweis auf die Stelle als Zeltpfarrer wie ein Geschenk des Himmels, erinnert er sich. Im April 2023 ist es soweit. Weber übernimmt die neue Aufgabe.
Ein Geschenk des Himmels
„Das ist die einzige Pfarrstelle in Deutschland mit Dienstwohnwagen“, sagt er und lacht herzlich. Zwei bis drei Mal im Jahr ist er für mehrere Wochen unterwegs, bevorzugt in den Monaten zwischen Ostern und Herbst, wenn Veranstaltungen im Freien möglich sind, beziehungsweise unter dem Himmelsdach des achteckigen Kirchenzeltes, das die evangelische Landeskirche zur Verfügung stellt.
Martin Weber reist nicht einfach so, und schon gar nicht spontan. Einem dreiwöchigen Zeltfestival gehe eine Vorbereitungszeit von rund eineinhalb Jahren voraus. Mit den einladenden Gemeinden werden Konzepte für Tage füllende Programme erarbeitet, Musiker müssen danach gefunden werden, Jongleure, Referenten, Menschen mit Ideen und Lust, etwas auf die Beine zu stellen. Auch örtliche Vereine und Schulen werden einbezogen, ebenso Polizei und Feuerwehr. „Wir machen zumindest einen Blaulicht-Abend im Zelt.“ Aber auch Angebote wie Begegnungsabende für Männer oder ein Frauen-Frühstück stehen auf dem Programm, ebenso Konzerte, Vorträge, Begegnungen mit spannenden Menschen und Gottesdienste. „Meine Aufgabe ist, das Geschehen im Zelt in geistliche Impulse umzuwandeln“. Von der Vorbereitung bis zum Abbau am Ende des Festivals braucht es ein Team von 100 bis 150 Menschen. „Wer zusammen schafft und schwitzt, rückt zusammen“, sagt Martin Weber. „Das ist ein ganzer Gemeindeentwicklungsprozess“. Und es ist Ausdruck von Kirche.
Eine Gemeinde allein kann ein Zeltfestival kaum stemmen. Sie hat meist auch nicht die finanziellen Ressourcen für ein dreiwöchiges Festival in Vorleistung zu gehen. 50.000 bis 60.000 Euro müssen einkalkuliert werden. Sponsoren und Spenden decken in der Regel die Unkosten ab.
Auch die evangelische Kirche schießt kräftig Geld dazu. „95 Prozent der Gemeinden kommen mit einem Plus raus“, sagt Weber. Und das obwohl, alle Angebote kostenfrei sind. „Bei uns muss sich keiner schämen, wenn er nicht das Geld für ein Konzert oder ein Weißwurst-Frühstück hat.“ Im Gegenteil. Oft höre er: „Was, die Kirche schenkt uns ein Bier. . .“
Es ist diese Nähe zu Menschen, die lange keine Kirche mehr betreten haben, die Martin Weber an seiner neuen Aufgabe fasziniert. „Ich führe so viele Gespräche, wie ich sie in meiner Zeit als Gemeindepfarrer nie geführt habe.“ Gerade weil die Menschen wüssten, dass er in drei Wochen wieder weg sei, vertrauten sie ihm oft ganz Persönliches an, manchmal in der Zeltkapelle, die er jeden Tag eine Stunde offen hält, manchmal beim Aufbauen oder einem Bier nach einer Veranstaltung im Zelt. Die neue Aufgabe habe auch seinen Blick geweitet, sagt der Theologe, der in der Württembergischen Landeskirche auch Referent für Hausgesprächskreise ist. Kirche müsse Neues ausprobieren, um mit jenen ins Gespräch zu kommen, die ihr distanziert gegenüberstehen.
Auf ein Bier bei der Kirche
Das wird auch 2025 so sein. Dann wird der Zeltpfarrer mit seinem Wohnwagen nach Untermünkheim (Kreis Schwäbisch Hall) und nach Stutensee bei Karlsruhe ziehen. Er reise meist zwischen dem Nordschwarzwald und Schwäbisch Gmünd. Nur aus dem Norden Baden-Württembergs und aus Oberschwaben gäbe es kaum Anfragen. „Oberschwaben ist für mich ein weißer Fleck.“ Das kann sich noch ändern. Bis 2028 ist die Existenz der Zeltkirche gesichert. Was danach geschieht, hängt auch von den Finanzen ab. „Württemberg ist die einzige Landeskirche, die sich den Luxus einer Zeltkirche leistet“, anerkennt Weber. In seinen Augen wäre es „jammerschade“, sollte das einmal nicht mehr sein.
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