Badische Zeitung Freiburg im Breisgau, 28.09.2024

 

Rücksicht nehmen, auf Schwächere achten

Er hatte nie Zweifel: Christ zu sein, ist für Michael Futterer (51) selbstverständlich. Doch aus dem Katholiken wurde ein Protestant. Seit September ist er im Vorstand der Evangelischen Stadtmission.

FreiburgEin derzeit aktuelles Thema wird auch die Zukunft prägen: Die Suche nach Pflegekräften. Dafür ist die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte dringend nötig – das steht für Michael Futterer fest. Zurzeit seien die sieben Pflegeeinrichtungen der Evangelischen Stadtmission in Freiburg und der Umgebung noch gut mit Mitarbeitenden versorgt, doch angesichts von immer mehr älteren Menschen reiche das auf Dauer nicht aus. Der größte Arbeitsbereich der Evangelischen Stadtmission ist der Pflegebereich. Aber auch das beliebte Secondhandgeschäft S`Einlädele mit seiner Ukrainehilfe, die evangelische Gemeinde Dreisam 3, die Bahnhofsmission und etliche andere soziale Angebote gehören dazu. Die Vielfalt gefällt Michael Futterer. Bei alldem gilt: Er ist der Vorsitzende des dreiköpfigen Vorstands, und sein Thema sind die Finanzen. Christine Kleß ist für Pflege und Soziales verantwortlich, Norbert Aufrecht für die diakonische Theologie.
Mit dem Schwerpunkt Finanzen knüpft Michael Futterer an sein bisheriges Arbeitsleben an: Von 2001 bis 2009 war er bei der Caritas in Rottenburg-Stuttgart für Finanzierungsfragen zuständig, seit 2009 beim Diakonischen Werk Baden in Karlsruhe. 2012 wurde er dort Abteilungsleiter und stellvertretender Vorsitzender für die Finanzen. In verschiedenen Gremien hat er Rahmenbedingungen mitgestaltet – bei immer wieder neuen Herausforderungen, von der Pflegereform über das Bundesteilhabegesetz bis zum Schutz der Schwächsten in den Pflegeheimen beim Beginn der Corona-Pandemie. Als Finanzverantwortlicher hat Michael Futterer immer wieder dieselbe Rolle: Er muss den sozialen Einrichtungen, für die er zuständig ist, vermitteln, was finanzierbar ist und Grenzen festlegen – während sich die sozialen und pädagogischen Fachleute meist mehr Personal wünschen. Doch für ihn ist seine Rolle stimmig: Er hat sich nach seinem Volkswirtschaftsstudium in Leipzig bewusst für den sozialen Bereich entschieden, und nicht für irgendeinen großen Konzern. In der Schule hat ihn Geschichte interessiert, vor allem wegen der politischen und volkswirtschaftlichen Aspekte – so wie die soziale Frage in der Zeit der Industrialisierung. Später hat er seinen Zivildienst in einem Krankenhaus in Leipzig gemacht.
Aufgewachsen aber ist er in Endingen: In einer katholischen Arbeiterfamilie mit zwei älteren Schwestern. Die Mutter arbeitete in Handwerksbetrieben, der Vater war Bauarbeiter. Der christliche Glaube war wichtig, daheim wurde gebetet. Mit elf Jahren kam Michael Futterer ins erzbischöfliche Studienheim St. Konrad in Konstanz – dort lebte er im Internat und bekam viel Förderung bei seinen sportlichen und musikalischen Hobbys. Er war gern dort. Gab es nie eine Glaubenskrise? Nein, sagt Michael Futterer. Für ihn habe sein Christsein immer vor allem bedeutet, rücksichtsvoll mit anderen umzugehen, auf Schwächere zu achten.
Lange war er ganz selbstverständlich Katholik. Doch manches störte ihn – vor allem die Rolle von Frauen und die strenge Hierarchie. Als er während seiner Zeit beim Diakonischen Werk Baden evangelische Gemeinden kennenlernte, entschloss er sich, zu konvertieren. 2012 war es soweit, auch seine einst katholische Frau, die er 2008 geheiratet hatte, wurde damals evangelisch. Durch die Arbeit beim Diakonischen Werk war er öfter in Kontakt mit der Evangelischen Stadtmission. Irgendwann hatte er Lust auf eine Veränderung – und auch auf eine Rückkehr zu seinen Wurzeln in der Freiburger Gegend. Zurzeit muss Michael Futterer noch von Waldbachtal bei Karlsruhe nach Freiburg zur Arbeit pendeln. Denn er und seine Frau haben hier noch kein Haus für ihre Familie mit den zwei 2017 und 2020 geborenen Kindern gefunden. Anja Bochtler