Badische Zeitung Lörrach, Weil am Rhein, 25.09.2024

 

Integrationshilfe auf Hochtouren

Die Migrationsberatung unterstützt Zugewanderte im Kreis Lörrach beim Ankommen in der Gesellschaft. Zu kämpfen haben die Berater mit knappen Mitteln und einer großen Nachfrage. Integrationserfolge motivieren ihre Arbeit.

Kreis LörrachVor neun Jahren kam Shaza Samra mit ihren drei Kindern nach Deutschland. Die Juristin folgte im Rahmen einer Familienzusammenführung ihrem Mann, der bereits 2014 aus Syrien flüchtete. Seit 2021 arbeitet sie als Migrationsberaterin für die Diakonie des Landkreises Lörrach. Samra, die einst selbst ein Integrationsprogramm durchlief, betreut nun Zuwanderer und berät sie zu Themen wie Berufsabschluss-Anerkennung, Arbeitssuche, Wohnen, Sprachkursen oder Einbürgerung.
Eine Erfolgsgeschichte der Integration unter vielen, wie die Vertreter der Diakonie, Caritas und des Deutschen Roten Kreuzes des Kreises Lörrach am bundesweiten Aktionstag der Migrationsberatung vergangene Woche betonten. Nicht nur in der Migrationsberatung, in vielen Arbeitsfeldern seien mittlerweile Menschen tätig, die erst vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen sind. „Man sollte beim Thema Migration mehr die vielen positiven Fälle zeigen und nicht nur auf die negativen schauen“, sagt Silvia Frank von der Diakonie.
Die Migrationsberatung des Kreises mit ihren 40 Mitarbeitenden trage dazu bei, dass Menschen in Deutschland ankommen, so Frank. „Das ist nicht nur für die Migranten selbst wichtig, sondern für die ganze Gesellschaft“, sagt sie mit Blick auf ein gutes gesellschaftliches Miteinander und die Bewältigung des Fachkräftemangels. Ziel der Migrationsberatung ist es, Migranten bei der Integration zu begleiten, damit sie ein Teil der Gesellschaft werden und ihr Leben selbständig führen können, erklärt Christina Hopfner, Fachbereichsleitung Migration der Diakonie Kreis Lörrach in einem Vorstellungsvideo.
„Die allermeisten Menschen, die nach Deutschland kommen, wollen das gleiche wie jeder von uns. Sie wollen eine Wohnung, Arbeit, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung haben und sie von ihrem Verdienst einigermaßen gut leben können“, sagt Hopfner. Bei den ersten Schritten können auch Stadtteilmütter unterstützen, mit denen die Migrationsberatung zusammenarbeitet. Eine von ihnen ist die Friedlinger Stadtteilmutter Mexhide Avdiu, die aus dem Kosovo nach Deutschland kam. „Es geht darum Brücken zu bauen, vor allem zu Institutionen, und bei der Sprache zu helfen“, sagt sie.
Dass der Großteil der Zuwanderer, die sich an die Migrationsberatung wenden, große Anstrengungen unternimmt, sich zu integrieren, bestätigt Michael Forouz-Mehr vom Jugendmigrationsdienst Rheinfelden. „Die meisten jungen Menschen, die wir begleiten sind hochmotiviert“, sagt er. An drei Anlaufstellen im Kreis – Lörrach, Rheinfelden und Zell im Wiesental– unterstützt der Jugendmigrationsdienst (JMD) junge Migranten zwischen zwölf und 27 Jahren bei der Integration. Der JMD hilft bei der Zeugnisanerkennung, begleitet beim Übergang in Ausbildung und Beruf, vermittelt Sprachkurse und organisiert Gruppenangeboten und Freizeitaktivitäten. Mehr als 300 junge Menschen hat der JMD Kreis Lörrach im vergangenen Jahr begleitet – viele von ihnen aus Syrien, Afghanistan, Irak oder der Ukraine.
Eine interne Studie des Kreises Lörrach zeige, dass 85 Prozent der von ihnen betreuten jungen Zugewanderten in den ersten drei bis fünf Jahren ihrer Einreise den Übergang in Berufsausbildung, Studium oder Beruf erfolgreich bewältigen, sagt Forouz-Mehr. In den ersten zwei Jahren stehe der deutsche Spracherwerb im Vordergrund und es werden Abschlüsse von B2 bis C1 erworben, so Forouz-Mehr. Auch die bundesweiten Zahlen zur Migrationsberatung erwachsener Zuwanderer (MBE) machen deutlich, dass die Betreuung Wirkung zeigt: Laut Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege stieg die Erwerbsquote bei Migranten, die sich von der MBE beraten ließen, von 31 auf 54 Prozent und der Bezug von Transferleistungen sank bei ihnen von 68 auf 47 Prozent.
Trotz der Wichtigkeit ihrer Tätigkeit, arbeitet die MBE im Kreis Lörrach mit 3,1 Vollzeitstellen am Limit. 920 Familien oder Einzelpersonen hat sie im vergangenen Jahr in 3771 Sitzungen betreut. Der Betreuungsschlüssel mit einem Berater auf 270 zu Beratende sei hoch, so Silvia Frank. Steigende Anfragen, auch aufgrund des seit Juni geänderten Staatsangehörigkeitsrechts, höhere Personalkosten und Stellenkürzungen bei den Migrationsberatungen in Waldshut und Bad Säckingen verschärften die Lage. Dies führe zu längeren Wartezeiten für die Betroffenen. Im Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 ist eine Förderung der MBE in Höhe von 77,5 Millionen Euro vorgesehen, was dem Niveau von 2024 entspricht. Die Kostensteigerungen abzudecken sei mit einem gleichbleibenden Budget jedoch schwierig, so Nazmije Mahmutaj, Projektleitung Migration bei der Diakonie Kreis Lörrach.
Auch der JMD ist stark belastet. Im ersten Halbjahr 2024 habe die Zahl der Beratungsfälle bundesweit um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugenommen und 2023 um rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Personalstellen sei hingegen nur um 2,7 Prozent gewachsen. Das habe dazu geführt, dass das Angebot bereits eingeschränkt werden musste, so die Caritas in einer Pressemitteilung. Der JMD fordert bundesweit sechs Prozent mehr Fördermittel für das Jahr 2025, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden.
Katja Saake