Badische Zeitung Ortenau, 24.09.2024

 

„Für alle Beteiligten ein offenes Ohr“

Anfang September hat Jan Mathis sein Amt als evangelischer Schuldekan des Kirchenbezirks Ortenau angetreten. Mathis ist in seinem Berufsleben weit herumgekommen, doch der Beginn lag in der Region.

Herr Mathis, Ihr Vorgänger Hans-Georg Dietrich war über 20 Jahre lang im Amt und sehr beliebt. Ein schweres Erbe?

Ich gehe das ganz unbefangen an. Hans-Georg Dietrich war im guten Sinn eine prägende Figur für das Dekanat, durch seine hohe Integrität und seine fachlichen und menschlichen Qualitäten. Er hinterlässt mir ein gut bestelltes Feld. Ich kenne ihn von meiner Zeit als Pfarrer in Gengenbach. Wenn ich drei Kollegen nennen sollte, die mich in den vergangenen 25 Jahren besonders beeindruckt haben, wäre er einer davon.

Wofür sind Sie genau zuständig?


Das Dekanat Ortenau ist ja vor gut zehn Jahren durch den Zusammenschluss der drei Dekanate Offenburg, Lahr und Kehl entstanden. Mit dem Ausscheiden des langjährigen Dekans Frank Wellhöner zum Ende dieses Jahres kommt es zu einer veränderten Struktur dieses großen Dekanats: Es gibt jetzt jeweils einen Dekan und einen Schuldekan für die südliche und die nördliche Ortenau. Mein Gebiet besteht aus dem Lahrer Raum und dem Kinzigtal, aber der Kirchenbezirk deckt sich nicht ganz mit den politischen Grenzen des Ortenaukreises. Ich bin zuerst einmal zuständig für die kirchlichen Lehrkräfte, also für Gemeindepfarrer und Gemeindediakone, die in Baden grundsätzlich alle Religionsunterricht geben, dann auch in bestimmter Hinsicht für die staatlichen Lehrkräfte, die Religion als eines ihrer Unterrichtsfächer studiert haben. Ich organisiere Fortbildungen und mache Unterrichtsbesuche, vor allem aber gilt es, die Verteilung der Lehrkräfte auf die Schulen zu organisieren. Und ich möchte der sein, der für alle Beteiligten ein offenes Ohr hat, wenn es Schwierigkeiten gleich welcher Art gibt.

Die Organisation des Religionsunterrichts müsste ja einfacher werden, weil weniger Kinder ihn besuchen, oder nicht?


Nach der Einführung der Wahlmöglichkeit für das Fach Ethik gab es natürlich einen Rückgang, aber das hat sich meiner Ansicht nach stabilisiert. Wir haben jetzt schon zu wenig Religionslehrkräfte, und die Zahl der Studierenden in diesem Bereich geht stark zurück. Es geht deshalb zunehmend darum, kreativ zu sein und neue Lösungen zu finden. Die ökumenische Kooperation spielt in diesem Zusammenhang natürlich eine wichtige Rolle.

Wie ist das in den höheren Klassen? Besteht da noch Interesse am Fach Religion?


Ich habe ja im vergangenen Schuljahr in Emmendingen und Denzlingen unterrichtet und da haben mir einige Abiturientinnen gesagt, dass sie es gut fanden, dass es in Religion nicht nur um Noten ging, sondern um „wichtige Fragen“. Diese Rückmeldung hat mich sehr gefreut, denn ich finde, dass Religion nicht nur im Blick auf die eigene Persönlichkeit, sondern auch bei gesellschaftlichen und sozialen Themen eine wichtige Rolle spielen kann, gerade in der Entwicklung zur Ganztagsschule, die verstärkt vom Lernraum zum sozialen Raum wird. Ich habe von Hans-Georg Dietrich übrigens nicht nur das Amt des Schuldekans übernommen, sondern auch den Religionsunterricht der elften und zwölften Klasse am Integrierten Beruflichen Gymnasium in Lahr. Es ist mir wichtig, dass ich noch in der Praxis bin und auch Teil eines Lehrerkollegiums, auch wenn es nur vier bis sechs Stunden in der Woche sind.
An meinen eigenen Kindern erlebe ich außerdem, wie stark sie der Klimawandel beschäftigt. Natürlich ist dieses Thema in der Schule längst angekommen, aber von Seiten des Religionsunterrichts haben wir bei diesem brennenden Thema doch einiges beizutragen.


Sie waren Religionslehrer an der deutschen internationalen Schule im niederländischen Den Haag und haben in Wittenberg am Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur gearbeitet. Was bringen Sie davon in ihre neue Aufgabe als Schuldekan ein?


Aus Den Haag auf jeden Fall die Erfahrung, wie positiv Multikulturalität sein kann. Ich bin hier im Kirchenbezirk zusammen mit anderen auch für Migrations- und Flüchtlingsarbeit zuständig, da kann ich auf diese Erfahrungen zurückgreifen. Auch in Wittenberg und Leipzig, wo wir gewohnt haben, konnte ich über die engen Grenzen meiner eigenen Landeskirche schauen. Im Osten Deutschlands ist die Situation der Kirchen ja noch einmal eine deutlich andere als hier. Und nach Wittenberg kamen kirchliche Mitarbeitende aus allen Landeskirchen. Das weitet den Horizont. Juliana Eiland-Jung