Heimkinder brachen ihr Schweigen
Regisseurin Julia Charakter prangert mit Film Missbrauch in einer pietistischen Brüdergemeinde an
sot„Das war ein Gefängnis und eine Hölle“, erklärt ein Betroffener. Im kommunalen Kino Cinema Quadrat haben vor Kurzem Regisseurin Julia Charakter und zwei Missbrauchsopfer, die auch im Film zu Wort kommen, ihre aufwühlende Dokumentation „Die Kinder von Korntal“ vorgestellt.
„In Korntal wird viel geschwiegen“, heißt es in dem Film, der exakt denjenigen Raum gibt, die endlich ihr Schweigen gebrochen haben. Auf beiden Seiten: jener der Opfer und jener der Institution. „Entweder ich trete jetzt ab von dieser Welt, oder ich gehe an die Öffentlichkeit“, beschreibt Detlev Zander, wie sein Entschluss unter Selbstmordgedanken zustande kam.
Korntal-Münchingen, der Schauplatz der Ereignisse, ist eine baden-württembergische Kleinstadt, gelegen zwischen Ludwigsburg und Stuttgart, gut 100 Kilometer südlich von Mannheim. Das für sich genommen nur rund 10 000 Einwohner umfassende Korntal ist seit mehr als zwei Jahrhunderten Sitz einer Brüdergemeinde, die vor Ort recht zahlreiche diakonische Einrichtungen und Wirtschaftsbetriebe unterhält. In der Region wird der Stadtteil deswegen auch schon mal als „’s heilige Korntäle“ verspottet, ist in der Doku, die kürzlich in den Kinos angelaufen ist, zu erfahren.
Angestoßen von Detlev Zander wurde vor einem Jahrzehnt der Missbrauchsskandal öffentlich, der ab den 1950er-Jahren in den Heimen der pietistischen Brüdergemeinde stattfand. Hunderte Kinder mussten Zwangsarbeit, körperliche Züchtigung und sexualisierte Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen erfahren. Nach Zander, einem der Protagonisten des Films, haben knapp 150 ehemalige Heimkinder ihr Schweigen gebrochen, und über 80 Täter konnten ermittelt werden.
„Kinder von Korntal“ mussten viele Qualen erleiden
Die in der Ukraine geborene, in Deutschland aufgewachsene Regisseurin realisierte bereits 2017 während ihres Studiums an der Internationalen Filmschule Köln die rund zehnminütige Doku „Unbarmherzig“ über Kindesmissbrauch, Gewalt und Willkür in einem Bochumer Waisenhaus. „Wir liefen dann mit diesem Film auf vielen Filmfestivals“, berichtet sie in Mannheim, „und egal, ob wir in München, Berlin oder Hamburg waren, es kamen immer Leute und haben gesagt, hier ist das auch passiert“. Fast unweigerlich gefolgt von der anspornenden Frage: „Warum machen Sie denn nicht einen langen Film darüber?“ Nur „über Umwege“ sei sie schließlich auf Korntal gekommen und ließ sich damit nach der Auseinandersetzung mit dem Missbrauch in der katholischen Kirche auf vergleichbare Vorfälle in der evangelischen Kirche ein. Selbst katholischer Konfession, hat Julia Charakter während der Arbeit am Korntal-Projekt – die Dreharbeiten umfassten immerhin vier Jahre – die Kirche verlassen.
Zu schrecklich ist auch, was man im Film erfährt, schwer erträglich selbst in der Nacherzählung der sechs Betroffenen, denen „Die Kinder aus Korntal“ Gehör verschafft. „Ich bin heute hundertprozentig überzeugt“, sagt Zander, „wenn ich nicht an die Öffentlichkeit gegangen wäre, die Brüdergemeinde hätte es vertuscht. Die hätte das unter den Teppich gekehrt.“ So aber erfährt man, angemessen zurückhaltend bebildert mit Aufnahmen von den Schauplätzen, von unmenschlichen Anforderungen und Verboten in drei Kinderheimen, einer Schule und in Privatwohnungen, von Angst machenden Drohungen und wüsten Beschimpfungen, Zwangsarbeit, wiederkehrenden Schlägen und vielfachem sexuellen Missbrauch der Jungen und Mädchen. „Wir sind mit der Bibel großgeprügelt worden“, fasst einer der Betroffenen die Untaten vor christlich-pietistischem Hintergrund zusammen.
Martina Poferl und Angelika Bandle, die nach Mannheim gekommen sind, und andere Betroffene, die vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren in den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde aufwuchsen, haben Anzeige erstattet und eine Aufarbeitung einleiten können, die sie jedoch bislang als unzureichend empfinden. Die Brüdergemeinde, die Diakonie und die Evangelische Landeskirche berufen sich auf Verjährung der Straftaten. „Die schaffen mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, um sich aus der Affäre rauszuziehen“, klagt Bandle. „Dieses Korntal spricht ja für alle Heimkinder in Deutschland“, ergänzt sie. „Das sind nicht nur wir.“ Sie denke schon, dass heute mehr Kontrollmechanismen greifen als damals, meint Julia Charakter. „Wir haben auf unserer Kinotournee aber festgestellt, dass Korntal leider keine Ausnahme ist, und dass diese Dinge in pädagogischen Einrichtungen nach wie vor passieren.“
Im Gehör bleibt nach dem Kinobesuch Bettina Wegners Lied „Kinder“, das im Film gleich zweimal auftaucht und ihn an Eindringlichkeit noch übertrifft. „Sind so kleine Seelen, / Offen und ganz frei. / Darf man niemals quälen, / Geh’n kaputt dabei.“