Badische Zeitung Lörrach, Weil am Rhein, 20.12.2024

 

Die Krise der Kirche als Chance sehen

Die evangelische Kirche hat derzeit so einige Baustellen. Mitgliederschwund und marode Gebäude lauten die Stichworte. Doch das Dekanat des Kirchenbezirks Markgräflerland entwickelt Strategien für die Zukunft.

Kreis Lörrach
Seit dem Frühjahr 2024 ist die Lörracher Stadtkirche nun schon eingerüstet, Schutzgaze flattert im Wind, für heimelige Gottesdienste ist die Kirche noch eine ganze Weile nicht zu gebrauchen. Tatsächlich ist das Gebäude einer der teuersten Sanierungsfälle im Kirchenbezirk Markgräflerland. Doch hat die evangelische Kirche noch weitere Baustellen – nicht alle sind so weithin sichtbar wie die des Lörracher Gotteshauses. Die Kirche steckt mitten in der Krise, ihr laufen die Mitglieder weg. Und doch ist sie dabei, sich in einigen Dingen grundlegend neu zu positionieren, wie kurz vor der Weihnachtszeit im Gespräch mit Dekanin Bärbel Schäfer, ihrem Stellvertreter, Pfarrer Markus Schulz und Öffentlichkeitsreferentin Andrea Kohl, deutlich wird.
Von „bewegten Zeiten“ und „größeren Herausforderungen im Finanz- und Mitgliedersystem der Kirchen“, spricht Bärbel Schäfer im oberen Stock des altehrwürdigen Dekanats in der Basler Straße in Lörrach. Es seien Zeiten, in denen es im Kirchenbezirk neue Themen zu entdecken und zu platzieren gilt. Die ganze Freiheit im Ausprobieren neuer Formate habe man zwar nicht, das eigene „Spielfeld“ sei durch Vorgaben der Landeskirche begrenzt. Klar sei aber, so die Dekanin: „So wie es bislang war, wird es nicht weitergehen.“
Das Dekanatsgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadtkirche erzählt von der großen Vergangenheit der Kirche. Hier, im ersten Stock, ist Schäfers Arbeitsplatz, unterm Dach finden sich die Bibliothek und das Büro von Öffentlichkeitsreferentin Andrea Kohl. Sie kümmert sich seit Anfang des Jahres um das öffentliche Bild der beiden großen Kirchen im Landkreis. Und was wäre für die evangelische Kirche wichtiger als Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten, in denen Freikirchen mit emotionaler Ansprache auf den Marktplatz drängen und sich immer mehr Gläubige weigern, der Landeskirche noch weiter die so dringend benötigte Kirchensteuer zu überweisen?
Was also kann, was sollte Kirche tun, um sich neu aufzustellen? Es werde gerade, so erzählt Dekanin Schäfer freimütig, in allen kirchlichen Gremien – so auch jüngst bei der Synode in Schliengen und bei der kürzlichen Visitation der Landesbischöfin – lebendig darüber diskutiert, ob der aktuell eingeschlagene Weg einer Verschlankung der Strukturen der richtige und erfolgversprechendste ist. Sie bekomme von Gläubigen häufig gespiegelt: „Kümmert Euch doch lieber darum, wieder mehr Mitglieder zu bekommen.“ Dann, so eine verbreitete Auffassung, gebe es das Kostenproblem für die Kirche gar nicht und man könne an den alten Strukturen festhalten, müsse nicht ein Gotteshaus nach dem anderen verkaufen.
Doch Schäfer warnt vor einer Mitgliederwerbung um fast jeden Preis. Ein „No-Go“ sei es jedenfalls, so die Dekanin, jetzt mit Freikirchen oder anderen christlichen Konfessionen in einen Wettkampf um die aufregendsten Glaubensformate einsteigen zu wollen. Menschen bei Großveranstaltungen emotional zu instrumentalisieren oder – schlimmer noch – ganze soziale Gruppen ausgrenzen zu wollen, um des billigen Effektes willen, sei jedenfalls der falsche Weg, sagt Bärbel Schäfer. Überhaupt: „Für mich heißt Mitgliederwerbung nicht, dass ich das System Kirche rette.“ Viel wichtiger sei es doch, „um der Menschen willen“ die christliche Botschaft so zeitgemäß wie möglich in die Gesellschaft zu tragen. Ihr Stellvertreter Markus Schulz kann sich zwar mit dem Wettbewerbsgedanken durchaus anfreunden, aber: „Wir müssen da ja am Ende nicht immer die Besten sein.“ Überhaupt sei es „am Ende ohnehin nicht unser Job, den Himmel vollzukriegen“, sagt der Pfarrer lächelnd.
Im Kirchenbezirk Markgräflerland will man die Krise der großen Kirchen auch als Chance begreifen. Wieder näher an die Menschen heranzukommen, sei das „treibende Movens“ hinter dem schmerzhaften Prozess der strukturellen und personellen Verschlankung, erklärt Dekanin Schäfer. Wenn heutzutage überall zwischen dem Wiesental und dem Dinkelberg Kirchen eingerüstet, eingemottet oder gar verkauft werden, stecke darin durchaus auch ein positiver Kern, stimmt Pfarrer Schulz zu. Es gebe jetzt die Chance, wieder verstärkt auf die Menschen zuzugehen, statt darauf zu warten, dass die Gläubigen schon in die Gotteshäuser strömen werden. Darauf habe man sich in der Vergangenheit womöglich allzu sehr verlassen. Ein Beispiel aus dem Nachwuchsbereich? Gemeinsam mit dem CVJM hat die Kirche jüngst auf dem Lörracher Schulcampus eine Diakonstelle gegründet, um junge Menschen vor Ort zu treffen. Die Zeiten seien schließlich vorbei, als der Nachwuchs nach dem Konfirmationsunterricht automatisch bei der Kirche landete. „Wir wollen den Menschen das Gute, das wir haben, wieder verstärkt anbieten“, erklärt Pfarrer Schulz die neue Strategie. Für ihn sei das „Mission“ im besten Sinne.
Noch etwas ist den Verantwortlichen im Kirchenbezirk – auch durch den Erfolg diverser Freikirchen – klar geworden: Menschen brauchen die emotionale Ansprache. „Wir merken schon, dass wir da Nachholbedarf haben“, sagt Pfarrer Schulz selbstkritisch. Die evangelische Kirche habe sich aus der Tradition Martin Luthers heraus immer auch als Bildungsinstitution verstanden. Inzwischen habe man dazugelernt und verstanden, dass die Menschen bei wichtigen Wendepunkten des Lebens – Geburten, Beerdigungen, Hochzeiten – die Kirche an ihrer Seite wissen wollten.
Mit der in Lörrach gerade gegründeten „Segenstelle Schlüsselmoment“, für die eine Pfarrerin freigestellt wurde, wolle man spontaner und direkter auf diese Bedürfnisse reagieren können. Überlegungen, diese sogenannte Kasualialienagentur auf den gesamten Kirchenbezirk auszuweiten, liefen bereits. Auch eine Hochzeitsmesse mit allem, was dazugehört, soll demnächst im Kirchenbezirk stattfinden. Dabei gehe es, so betont Pfarrer Schulz, nicht in erster Linie um die Show, sondern vor allem um das Vermitteln von Glaubensinhalten. Und auch Rockkonzerte bei Gottesdiensten – wie sie gerade in Schönau en vogue sind – gehen für Dekanin Schäfer in Ordnung, „wenn sie nachhaltig sind“.
Stärker als in der Vergangenheit will man in der evangelischen Kirche künftig betonen, dass Seelsorge und Glauben, dass soziales Engagement für Senioren und Kinder und Gottesdienste unterschiedliche Seiten derselben kirchlichen Medaille sind. „Wir wollen Kirche wieder zusammendenken“, sagt Dekanin Bärbel Schäfer. Für Pfarrer Schulz wie auch für Öffentlichkeitsreferentin Kohl gibt es für den skizzierten Neuanfang der evangelischen Kirche vor Ort inmitten all der Baustellen kein schöneres Symbol als den Umbau der Lörracher Christuskirche. Dort, an der Nansenstraße, wird gerade das Gemeindezentrum in die Kirche integriert. Im neu entstehenden Komplex soll demnächst nicht nur die erste vom Dekanat veranstaltete Hochzeitsmesse über die Bühne gehen, sondern in einem Pavillonanbau auch ein Büro der Diakonie eingerichtet werden. Robert Bergmann