„Wir dürfen nicht unsichtbar werden“
Die evangelische Kirche ist im Wandel. Trotz sinkender Kirchensteuereinnahmen und Mitgliederzahlen will der für den Kreis Breisgau-Hochschwarzwald zuständige Dekan Dirk Schmid-Hornisch die Zukunft positiv gestalten.
Der evangelische Kirchenbezirk Breisgau-Hochschwarzwald befindet sich bereits seit mehreren Jahren im Wandel. Inwieweit hat sich der Kirchenbezirk schon verändert?Wir haben aus den bestehenden Kirchengemeinden im Landkreis sechs Kooperationsräume gebildet. In diesen Räumen wird enger zusammengearbeitet. Alle Hauptamtlichen arbeiten in verschiedenen Dienstgruppen und sind jeweils für ihren gesamten Kooperationsraum verantwortlich. Der nächste große Schritt wird sein, dass sich diese Räume neue Rechtsformen geben. Wir sind eine demokratisch aufgebaute Kirche. Wenn wir in größeren Einheiten zusammenarbeiten, dann können wir auch darüber nachdenken, die Gremien neu zu gestalten. Denn auch hier merken wir, dass es schwieriger wird, Ehrenamtliche zu finden, die Verantwortung in den bisherigen Kirchengemeinderäten übernehmen.
Wie wird der bisherige Prozess vor Ort wahrgenommen?Es ist ein Prozess, der mit Kürzungsvorgaben verbunden ist. Das ist sicher auch eine der schmerzlichen Seiten. In der gesamten Landeskirche müssen wir 30 Prozent an Einsparungen im Hinblick auf Gebäude und Personal leisten. In den Kooperationsräumen kann dies besser aufgefangen werden, als wenn eine einzelne Kirchengemeinde das leisten müsste. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass Gemeinden sich freuen, wenn sie über den Kirchturm hinausschauen und mit Nachbargemeinden gemeinsame Projekte starten können, die sie alleine gar nicht hinbekommen hätten. Es gibt aber auch viele Traditionen und Verwurzelungen, die da in den Diskussionen eine Rolle spielen.
Sie starten eine neue Workshop-Reihe und wollen die Menschen am Wandel der Kirche teilhaben lassen. Wie kann man sich dort einbringen?Neben der gerade erwähnten Reduktion wollen wir eben auch eine Transformation erreichen. Wir wollen die Menschen ermutigen, ihre Kirche aktiv mitzugestalten. Da kann sich jeder einbringen. Es gibt drei Workshopreihen. Darin wollen wir unter anderem Modelle für die Kirche der Zukunft und das ehrenamtliche Engagement entwickeln. Wir wollen auch in Erfahrung bringen, welche Angebote gerade im ländlichen Raum benötigt werden. Gleichzeitig wollen wir als Kirche die Dinge nicht mehr alleine stemmen, sondern sind für Projekte immer auf der Suche nach Partnern.
Welche Akteure haben Sie da im Blick?Das ist natürlich oft die Katholische Kirche, es kann aber auch die Kommune sein. In Schallstadt-Wolfenweiler gibt es beispielsweise den Mittagstisch, das ist eine Kooperation zwischen der Diakonie und der Gemeinde Schallstadt. Freier Raum in Gebäuden kann auch untervermietet werden, wie das beispielsweise im Haus der Kurseelsorge in Bad Krozingen geschieht, wo wir der Pflegeschule die Räumlichkeiten für deren Unterricht zur Verfügung stellen.
Sie können trotz Kooperationen nicht mehr alle Gebäude im Bestand halten und setzen daher ein Ampelsystem ein. Es geht darum, für welche Gebäude die Landeskirche noch Geld gibt – und für welche nicht mehr. Gibt es schon Gebäude, von denen Sie sich sicher trennen werden?Wir haben die Gemeindehäuser, Kirchen und Pfarrhäuser in den Blick genommen. Wenn ein Gebäude rot ist, bedeutet es noch nicht, dass es aufgegeben wird. Es bedeutet nur, dass die Landeskirche keine Co-Finanzierung mehr über die Kirchensteuergelder leisten wird. Die Entscheidung, welche Gebäude aufgegeben werden, liegt letztlich in der Hand der örtlichen Gemeinden, der Kooperationsräume und des Kirchenbezirks. Man kann noch nicht sagen, welches Gebäude, wann aufgegeben werden muss, weil wir gerade in der Diskussion sind. Vielleicht gibt es auch viele neue Kooperationen oder neue Geldgeber, die einsteigen. Perspektivisch müssen wir uns sicherlich aber auch von Gebäuden trennen, weil die Kirchensteuern zu stark zurückgehen. Freiburg-Stadt ist aber ein Beispiel, wie durch gute Kooperationen und neue Partnerschaften sich manche Gebäude zwar verändern, aber auch für kirchliche Zwecke weiterhin zur Verfügung stehen.
Kirchen in Schallstadt-Mengen, Münstertal, Seefelden, Lauffen, Niederweiler, Buggingen, Vögisheim und Neuenburg-Zienken wurden auf Rot gestuft. Wie verläuft dort die Entscheidungsfindung? Es gibt dort in den Diskussionsprozessen vor Ort noch kein Ergebnis. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir präsent bleiben und unter geringer werdenden Ressourcen kirchliche Arbeit vor Ort gut machen können.
Die Kirchensteuern sinken. Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen im Landkreis?Die Mitgliederzahl geht zurück, auch wenn dieser Rückgang nicht erdrutschartig verläuft. Wir sind knapp unter 50.000 Mitgliedern.
Pfarrer und Pfarrerinnen bekommen immer größere Zuständigkeitsbereiche. Verlieren Sie dadurch nicht den Kontakt zu den Menschen?Die Idee ist, dass ein Team bestehend aus hauptamtlichen Kräften, also Pfarrerinnen und Pfarrern, Diakoninnen und Diakonen und Kantorinnen und Kantoren gemeinsam mit den Ehrenamtlichen diese Kooperationsräume verantworten. Wir wollen gerade nicht die Ortsbindung verlieren. Aber wir müssen zusammenarbeiten, damit nicht ein Dorf am Ende hinten runterfällt. Wichtig ist, dass wir immer vor Ort ein Gesicht der evangelischen Kirche haben. Das muss nicht immer der Pfarrer sein, sondern kann beispielsweise auch mal der Kirchengemeinderatsvorsitzende oder die Einrichtungsleiterin von Kindergärten sein, etwa bei repräsentativen Veranstaltungen. Wir dürfen nicht unsichtbar werden. Wir müssen die Nähe erhalten und gleichzeitig in übergeordneten Strukturen in den Kooperationsräumen arbeiten. Auf der Kirchenbezirksebene wird es auch noch weitere Angebote geben, die allen Kirchengemeinden zugutekommen.
Sie haben so einen Umstrukturierungsprozess ja bereits in Ihrer Zeit in Freiburg wahrgenommen. Ziehen Sie daraus Zuversicht, dass es am Ende klappen kann? Damals hatte sich die evangelische Kirche in Freiburg auch eine neue Struktur gegeben und arbeitet heute in größeren Einheiten. Ich habe das damals als konstruktiven Prozess erlebt. Überall, wo Herzblut drin ist, gibt es aber natürlich auch Konfliktpotential. Ich nehme dennoch eine Hoffnung aus dieser Zeit heraus, dass wir es auch in unserem Kirchenbezirk Breisgau-Hochschwarzwald schaffen werden, in größeren Einheiten zusammenzuarbeiten, ohne die Nähe zu den Menschen aufzugeben. Auch unser Bezirkskirchentag im kommenden Jahr macht mir Mut am 25.5.2025. Da werden wir den Kirchenbezirk in seiner Vielfalt positiv darstellen. Da werden wir gemeinsam sichtbar werden, an einem Strang ziehen und das Evangelium in Wort und Tat weitergeben. Die Botschaft wird sein: Wenn wir was gemeinsam machen, schaffen wir mehr, als wenn wir es versuchen, alleine hinzukriegen.
Max SchulerDirk Schmid-Hornisch (54) ist seit 2023 Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Breisgau-Hochschwarzwald. In Freiburg war er sieben Jahre lang Pfarrer der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, danach 13 Jahre Gemeindepfarrer und Diakoniepfarrer in der Ortenau.
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