Wenn Ecki mit der Gitarre zu Tisch bittet
Dann läuft in Mannheim die Kindervesperkirche – Hier bekommt Nachwuchs aus bedürftigen Familien auch Wärme und Zuneigung
Von Volker Endres
Die Mannheimer Kindervesperkirche ist eröffnet. Täglich erhalten in der evangelischen Jugendkirche im Stadtteil Waldhof rund 150 Kinder nicht nur ein warmes Mittagessen, sondern beim Basteln, Spielen, Malen und Toben im Kirchenschiff auch menschliche Wärme und Zuneigung. Mittendrin ist Eckhard „Ecki“ Stadler, für den die Kindervesperkirche kurz vor Weihnachten eine Herzensangelegenheit ist.
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Stadler schlägt einige Akkorde auf seiner Gitarre an, und sofort ordnet sich das Chaos im Kirchenschiff in eine Richtung. Von den Tischen, wo eben noch kleine Weihnachtsgeschenke gebastelt wurden, aus der Sakristei, wo gerade noch spannende Geschichten vorgelesen worden sind, und aus dem Nebenraum, wo nicht nur ein Tischkicker steht, sondern auch jede Menge Legobausteine die Fantasie anregen – von überall her strömen die Kinder zu den Esstischen, denn sie wissen: Jetzt beginnt das Mittagessen für alle. „Gemüselasagne und Salat“, berichtet Leiterin Svenja Hauseur mit einem zufriedenen Blick über die Tische.
Als „Musikbeauftragter der Jugendkirche“ ist Ecki Stadler damit so etwas wie die personifizierte Tischglocke. Und das, obwohl er eigentlich schon seinen Ruhestand genießen könnte. „Aber die Kindervesperkirche ist mir unheimlich wichtig“, betont der Käfertaler. „Deshalb werde ich hier so lange spielen, wie es irgendwie geht.“ Immerhin findet die Veranstaltung gegen Kinderarmut in diesem Jahr zum 17. Mal statt. „Und ich war von Anfang an mit dabei“, betont er und singt mit den Kindern das von ihm komponierte „Kindervesperkirchen-Lied“ – als endgültiges Startsignal vor dem Essen.
Nur ein kleines bisschen habe sich gegenüber den Vorjahren geändert, sagt Stadler schmunzelnd: „Seit ich offiziell im Ruhestand bin, trage ich keine Verantwortung mehr.“ Aber selbstverständlich sind er und seine Gitarre trotzdem jeden Tag dabei. „Ich helfe halt, wo ich gerade gebraucht werde, und der Jubel der Kinder ist sowieso das Schönste, weil man merkt, wie gut das Lied angenommen wird“, erklärt Stadler.
Überhaupt stehen die Kinder für ihn im Mittelpunkt. „Es ist ein abgedroschener Satz, aber er stimmt: Sie sind unsere Zukunft!“. Deshalb sei eine Einrichtung wie die Kindervesperkirche so wichtig, die auf das Problem der Kinderarmut hinweist und dem Nachwuchs zumindest zur Weihnachtszeit im Klassenverbund ein warmes Mittagessen und ein Spielangebot bietet – zwei Dinge, die viele von daheim eben nicht kennen. „Das merken wir auch bei unserem Mittwochs-Mittagstisch.“
Dieses Wochenangebot läuft als Fortführung der Veranstaltung das ganze Jahr über. Hier ist Stadler nämlich trotz Ruhestands ebenfalls noch regelmäßig zu Gast, und er trifft dort die Kinder, die auch bei der Vesperkirche sind. Neu sind in diesem Jahr die angehenden Erzieher der Privatschule „Das Kurpfalz“: „Wir sind jeden Tag mit einer Klasse hier und basteln mit den Kindern Weihnachtsgeschenke“, erklärt der stellvertretende Schulleiter, Andreas Ritzner. „Ich finde es wichtig, dass unsere Schüler auch den Umgang mit Schülern aus sozialen Brennpunkten lernen“, erläutert er und staunt: „Die Kinder arbeiten hier wirklich sehr ruhig und konzentriert und viel kreativer, als wir das eigentlich vermutet hatten.“
Ursprünglich sei die Idee gewesen, lediglich Zuckerstangen aus Pfeifenreinigern zu formen. „Aber die Kinder haben ganz andere und viel bessere Ideen.“ Auch das ist eben Kindervesperkirche, sagt Svenja Hauseur lächelnd und verweist auf die Holzspieltische auf der Altarempore, die geduldige Schlange beim Wachsziehen für die eigene Kerze und die Elektrobasteleien mit den Auszubildenden der Firma Volz. Und im Lego-Raum sind der Fantasie ohnehin keine Grenzen gesetzt. Aber nur, bis Stadler zur Gitarre greift und mit den ersten Akkorden des Kindervesperkirchen-Liedes zu Tisch bittet. > s. weiterer Bericht
Info: Die Mannheimer Kindervesperkirche lädt noch bis zum 13. Dezember ganze Schulklassen von 11 bis 14 Uhr ein. Das Motto lautet in diesem Jahr „Hier bist Du richtig!“ und soll auf die Kinderarmut aufmerksam machen. Die Kindervesperkirche und der ganzjährige Mittwochs-Mittagstisch werden ausschließlich aus Spenden finanziert und leben von der ehrenamtlichen Mitarbeit.