Wie sich eine Kirche der Welt öffnen will
Die Zahl der Gläubigen sinkt, der Unterhalt der Kirchen verschlingt viel Geld. An immer mehr Orten wird über Verkauf oder gar Abriss diskutiert. Doch es gibt eine dritte Möglichkeit: die hybride Nutzung, wie sie gerade in Emmendingen beginnt.
Vor dem markanten Doppelzelt aus Holz und Beton, der katholischen Kirche St. Johannes im Emmendinger Stadtteil Bürkle-Bleiche, steht ein rotes Schild. „Diese Kirche befindet sich im Moment auf einer Reise“, steht dort. „Es ist eine Reise, die (wie es gute Reisen so an sich haben) ein wenig ungewiss ist. Klar ist nur: An diesem Ort soll sich das Leben tummeln, es soll ein Ort sein, an dem jeder und jede sich wohl fühlt, unabhängig von der eigenen Konfession.“ Unter dem Motto „Mach' mit in St. Johannes“ lädt die Kirche zur Beteiligung ein. Ziel ist das Konzept einer hybriden Nutzung – als Gotteshaus und für vieles andere.
„Wer keinen Bock hat, kann zu Hause bleiben“, sagt Rainer Leweling, Vorsitzender des Caritasverbands im Kreis Emmendingen und einer der Kooperationspartner der Kirchengemeinde. Er habe keine Lust auf ewige Bedenkenträger und ziehe den Hut vor Leuten, die etwas Neues machen wollen. Das Neue, das sind die Ideen, die Kirche in Emmendingens größtem und buntestem Stadtteil zu öffnen, so dass sie auch weltlich genutzt werden kann. Neben Liturgie und Spiritualität sollen Soziales und Bildung sowie Kunst und Kultur dort Platz finden. Dafür soll der sakrale Kirchenraum, der seit 2010 unter Denkmalschutz steht, umgestaltet werden. Pläne dafür liegen vom Stuttgarter Planungsbüro Stadtlücken vor, einem Verein, der sich dem gemeinsamen Entwickeln von lebenswerten Städten verschrieben hat.
Ein Großteil der Bänke in der Kirche, die außer an Heiligabend, wenn 500 Besucher kommen, nur noch spärlich aufgesucht wird, soll abmontiert werden. Der frei werdende Platz kann vielfältig genutzt werden, etwa für Konzerte. Reggae und Weltpop mit der Freiburger Band Unojah ist hier bereits erklungen. Pfarrer Herbert Rochlitz sieht die Chance, neue Zielgruppen anzusprechen. Er stelle sich vor, „dass hier Möbel gebaut werden können, es ist Raum für Meditation“, es gebe Platz für Theatergruppen oder den Schachclub, sagt er.
Die Leitung des Erzbistums Freiburg schaut wohlwollend auf das Projekt. Domkapitular Bernd Gehrke, Referent für Liturgie, begleitet es im Auftrag des Generalvikars. 200.000 Euro sind im Doppelhaushalt 2024/2025 der Kirchengemeinde eingeplant, 80.000 davon kommen als Zuschuss von der Erzdiözese. Im Ordinariat sei keine weitere hybride Nutzung einer Kirche zwischen Odenwald, Hochrhein und Bodensee bekannt, so die Pressestelle auf Nachfrage. Die Kirchengemeinden als Eigentümer der Kirchengebäude seien in einem gewissen Rahmen frei, solche Initiativen zu ergreifen.
In St. Johannes gibt es aber auch Skeptiker. Bei einer Unterschriftensammlung haben sich rund 50 Gemeindemitglieder beteiligt, die sich zwar nicht prinzipiell gegen eine Mitnutzung der Kirche durch weltliche Gruppen stellen, aber das vorliegende Konzept nicht mittragen können. Anne Schalk, seit vielen Jahren in der Seelsorgeeinheit Emmendingen beheimatet, sagt: „Der Auftrag der Kirche ist die Evangelisierung, sagt auch Papst Franziskus. Das sollte der Mittelpunkt sein. Die Kirche ist ein Gotteshaus, hier steht der Tabernakel, in dem sich Jesus für uns manifestiert. In solch einem heiligen Raum ist es für mich nicht denkbar, einfach eine Wand herunterzulassen – und dann wird eine Party gefeiert oder geschreinert.“
In einer frühen Phase sei ein Alternativvorschlag gemacht worden, berichten die aktiven Gemeindemitglieder Peter Schalk und Tilmann Künstle. Ihr Vorschlag: Der Saal über der Kirche wird als Kapelle eingerichtet, um so den sakralen Raum von den Eventveranstaltungen zu lösen. Die finanziellen und personellen Ressourcen, meinen kritische Begleiter des Projekts, wären sinnvoller in die Gemeindearbeit investiert.
Wie genau eine hybride Nutzung aussehen kann, müsse immer vor Ort verhandelt werden, sagt Bernhard Spielberg, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg. Grundsätzlich sieht er das Modell als Beitrag zu einem vielgestaltigen Katholizismus. „Kirchen sind wichtige Orte, die allen gehören, sie nur wenige Stunden pro Woche zu nutzen, ist begründungspflichtig.“ Eine hybride Nutzung sei auch nichts Neues, sagt er, und erinnert an Jahrhunderte, in denen man in Kirchen schlief und aß, Handel trieb und sich versammelte. „Der sakrale Charakter geht meines Erachtens dadurch nicht verloren“, so Spielberg.
Die evangelische Landeskirche in Baden ist hier schon weiter und unterhält längst eine Vielzahl kleiner und großer Kirchen, die nicht ausschließlich für Gottesdienste genutzt werden. So gibt es etwa mehrere Citykirchen, die ausdrücklich für vielfältige Bedürfnisse offen sind, langjährig etablierte Vesperkirchen und Kirchen, in denen etwa ein Erzählcafé, ein Co-Working-Space oder eine Sozialberatung Platz finden. „Hybride Nutzungen und langfristige Kooperationen können Kirchengebäude und ihren künftigen Erhalt und Betrieb sichern“, sagt Stefan Herholz, Pressesprecher der Landeskirche.
In St. Johannes in Emmendingen hat derweil die Experimentierphase begonnen. Bis Mitte 2025 sollen Erfahrungen mit der erweiterten Nutzung des Kirchenraums gesammelt werden.Sigrun Rehm und Michael Sträter
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