„Pazifismus weicht dem Nachdenken“
Kann man um Frieden kämpfen? Angesichts des Ukraine-Kriegs werden Fragen wie diese am heutigen Buß- und Bettag in Hausach diskutiert. Einer, der sich mit diesen Themen insbesondere auseinandersetzen muss, ist der geladene Militärpfarrer Stefan Boldt.Hausach Traditionell lädt der ehemalige Schulpfarrer Hans-Michael Uhl zum Buß- und Bettag einen interessanten Gast zum Gespräch. Am heutigen Mittwoch, 20. November, legt Militärpfarrer Stefan Boldt seine Ansichten zum Thema Frieden und Krieg dar.
Herr Boldt, Sie sind Militärpfarrer. Was genau macht ein Militärpfarrer?
Als Militärpfarrer bin ich Bundesbeamter auf Zeit und für diesen Zeitraum von meiner Landeskirche beurlaubt. Zunächst ist meine Aufgabe die religiöse Versorgung von Soldaten im In- und Ausland. Ich biete an meinen Standorten Donaueschingen, Müllheim und Illkirch–Graeffenstaden/Elsass regelmäßige Gottesdienste an und bin für alle Angelegenheiten ansprechbar: Taufen, Trauungen und Trauerfeiern – wie im zivilen Alltag auch. Der Bund beauftragt mich regelmäßig auch mit der Erteilung des LKU.
Was ist das?
Das ist der „lebenskundliche Unterricht“; ethische, weltanschauliche, politische und religiöse Bildung. Der LKU ist eine berufsethische Qualifizierungsmaßnahme. Es gilt, die moralische Urteilsfähigkeit der Soldaten zu verbessern und ihre Handlungssicherheit zu erhöhen. Mein drittes Standbein ist die Arbeit mit einsatzbelasteten Soldaten. Ich arbeite hier mit Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeitern und Ärzten zusammen. Regelmäßig bieten wir tiergestützte Formate an, in der Regel pferdetherapeutische Interventionen.
Wie kamen Sie zur Bundeswehr?
Ich wurde von einem Freund darauf hingewiesen, dass die Stelle ausgeschrieben sei und ob ich mich nicht bewerben wolle. Ich tat es, da meine Hauptzielgruppe zwischen 18 bis 35 Jahre alt ist. Diese hat mich insbesondere gereizt, da es nicht unbedingt die Kern-Altersgruppe unserer Kirchengemeinden ist.
Mit welchen Fragen werden Sie als Seelsorger seitens der Soldaten konfrontiert?
Zunächst geht es vor allem um dienstliche Fragen, Mobbing, Beziehungen, Vereinbarkeit von Dienst und Familie, persönliche Nöte, Krankheit, Sorgen allgemein. Soldaten sind Menschen wie du und ich und haben dieselben Fragen, Nöte und Probleme. Ich bin Ansprechpartner außerhalb jeglicher militärischer Hierarchie. Verschwiegenheit ist selbstverständlich und unabdingbar. Falls gewünscht gebe ich eine Rückmeldung, eine Orientierung, einen Gedanken und entlasse den Menschen auch in seine Selbstverantwortung.
In Europa gibt es seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine wieder Krieg. Was für Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Bundeswehr bemerken Sie?
Konkret hat sich eine radikal pazifistische Strömung in meiner evangelischen badischen Landeskirche ein wenig gewandelt. Die Stimmen werden leiser oder besser: moderater. Der Militärpfarrer wird eher als Gesprächspartner wahrgenommen und weniger als Gegenüber oder gar Feindbild. Alternativloser Pazifismus weicht häufig einem gemeinsamen Nachdenken, wie wir dem Frieden dienen können. Nichts anderes möchte ich. Nichts anderes will die Mehrzahl der Soldaten. Gesamtgesellschaftlich scheint mir das Thema Verteidigung, Bundeswehr, Heimatschutz wieder salonfähig geworden zu sein. Vielleicht nicht gänzlich ohne Bauchschmerzen. Aber auch Soldaten haben angesichts der Kriege, die näher rücken, Bauchschmerzen.
Inwiefern haben sich die Sorgen der Soldaten seit Beginn des Krieges verändert?
Ich erlebe es nicht, dass Soldaten ständig in Sorge sind. Militärische Konflikte gehören für einen Soldaten zur Möglichkeit, die jeder gedanklich immer wieder für sich erwägen muss. Als Soldat kann ich diese äußerste Konsequenz nicht auf Dauer verdrängen. Fragen und zum Teil auch Sorgen verbinden sich manchmal mit der Aufstellung einer deutschen Brigade in Litauen, mit der Frage von Kriegstauglichkeit... „Muss ich nach Litauen? Muss ich meine Familie dieser Situation aussetzten? Sind wir als Armee einer solchen Situation gewachsen?“
Und Sie? Was bereitet Ihnen angesichts der aktuellen politischen Lage weltweit und national Sorgen?
Ich gehöre einer äußerst privilegierten Generation an: Freiheit, Wohlstand, Demokratie, Frieden, Sicherheit, Unabhängigkeit, große Handlungsspielräume schienen unerschütterliche, fast ewige Umschreibungen meiner Welt zu sein. Der äußere Rahmen war über meine 60 Lebensjahre recht stabil. Das scheint Geschichte. Vielleicht die größte Sorge ist, dass wir in einer oder zwei Dekaden reaktionärer, autokratischer Welten aufgewacht sind. Wählerstimmen werden gekauft, Desinformation ist übermächtig, Frauen-, Freiheits-, Minderheitenrechte werden angegriffen und verunglimpft. Verfälschende Propaganda stürzt Menschen in Unsicherheit. Wir werden lernen müssen, mit Wohlstandsverlusten umzugehen und dennoch eine lebenswerte und gemeinschaftliche Gesellschaft zu erhalten. Als Christ und Pfarrer werden wir erneut um die Tragkraft der frohen Botschaft der von der Liebe Gottes ringen müssen.
Soldaten kämpfen, das Christentum predigt Frieden. Wie passen Sie da dazu?
Deutsche Soldaten kämpfen für den Erhalt des Friedens. Sie stehen dafür ein, dass Frieden und die Regeln des Grundgesetzes bestehen bleiben können. Ich finde, das beißt sich nicht mit der Friedenspredigt des Christentums. Soldaten haben die Aufgabe, unsere freiheitliche Grundordnung zu schützen. Im Zweifelsfall auch mit Waffengewalt. Diese Menschen begleite ich als Seelsorger gerne. Ich meine, diese Menschen sind es wert.
Das Gespräch führte Charlotte Reinhard