Süddeutsche Zeitung, 16.11.2024

 

Vier Minuten Nachdenken

„Das Wort zum Sonntag“ wird 70. Sollte man den Kirchen noch Sendezeit einräumen? Annette Zoch

Plötzlich steht da ein Sarg im Studio. Daneben mit ernster Miene ein Herr im Anzug, er blickt in die Kamera und sagt lapidar: „Ich hab mir mal einen Sarg ausgeliehen. Bald werde ich selbst einen brauchen.“ Pause. „Sie auch.“

Zack, da hustet man die Chips wieder hoch, vorbei ist es mit dem gemütlichen Fernsehabend. Dann predigt Pfarrer Stefan Claaß aus Herborn darüber, wie das Leben an Qualität gewinnt, wenn man den Gedanken an die eigentliche Endlichkeit zulässt. Stefan Claaß erinnert sich an die entsetzten Mienen, als er mit dem Sarg zur Aufnahme im HR-Funkhaus erschien: „Wen holen Sie denn ab?“ Das
Wort zum Sonntag ist mit der Zeit kürzer und, auf eine Art, kreativer geworden. Hunde wurden schon vor die Kamera gezerrt, Babys, Schlagzeuge. Ein Pastor stellte sich ins Planschbecken und ließ sich mit eiskaltem Wasser übergießen.

„Religion ist Unterbrechung“, hat der katholische Theologe Johann Baptist Metz einmal gesagt. Jahr für Jahr ist
Das Wort zum Sonntag im Ersten diese fest einkalkulierte Unterbrechung im dahinplätschernden Fernseh-Samstagabend. Es ist die zweitälteste Sendung im deutschen Fernsehen nach der Tagesschau. Seit 1954 sprechen dort katholische Pfarrer und evangelische Pastorinnen, Theologen oder Ordensleute für ein paar Minuten zu den Fernsehzuschauern.

Viele nutzen den vierminütigen Einschub zwischen
Tagesthemen und Spätfilm zum Bierholen oder für andere Verrichtungen (angeblich steigt während des Worts zum Sonntag in Deutschland der Wasserverbrauch). Viele schauen auch zu, mögen sie nun gläubig sein oder nicht. Am Donnerstagabend haben Rundfunkanstalten und Kirchen nun gemeinsam den 70. Geburtstag gefeiert, für die Party in der Münchner Markuskirche war sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angereist. Er nannte die Sendung einen „Anker“, der sich der „Enthemmung der Sprache“ entgegenstellte: „Eine Demokratie braucht Debatten, aber wir müssen diese Debatten mit Respekt vor dem anderen führen“, so Steinmeier. Das Wort zum Sonntag trage zu diesem Diskurs bei, „wir brauchen diese Stimmen der Kirchen, ihre gesellschaftliche Intervention“.

Im Rundfunkstaatsvertrag ist geregelt, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten den Kirchen Sendezeit einräumen und sie auch zahlen, dazu gehört die Übertragung von Fernsehgottesdiensten so wie das
Wort zum Sonntag. Die inhaltliche Verantwortung für diese Verkündigungssendungen, wie es heißt, tragen allein die Kirchen. Die Sendungen sind also auch ein Stück Zeitgeschichte. Anfangs haben vor allem behäbig-knarzende Pastoren gesprochen, sie waren es auch, die Otto Waalkes zu seiner legendären Persiflage inspirierten („Theo, wir fahrn nach Lodz!“). 1957 durfte die erste Frau sprechen, in einer Zeit, als sonst im Fernsehen nur „rauchende Männer“ herumsaßen, so Steinmeier.

Mehr als 3600 „Worte“ wurden in den vergangenen Jahren ausgestrahlt, ausgefallen ist noch kein einziges. Als an Ostern 2020 während Corona die Gottesdienste ausfielen, sprachen der damalige EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Chef der katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erstmals ein ökumenisches Wort.

Eine Rekordquote erzielte Papst Johannes Paul II. vor seinem Deutschlandbesuch 1987 mit 7,55 Millionen Zuschauern. Mittlerweile schauen im Schnitt 1,4 Millionen Menschen zu – anfangs waren es noch zehn Millionen. Die schwindende Kirchenbindung zeigt sich eben auch hier. Anders als noch 1954 ist heute eine knappe Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht mehr Mitglied in einer der großen christlichen Kirchen. Zunehmend wird das Format auch deshalb kritisch hinterfragt. 2023 hatte der RBB-Redaktionsausschuss das Senderecht kritisiert und gefordert, dieses auch anderen Religionsgruppen einzuräumen.

Teilweise geschieht dies bereits, der WDR hat für Juden die Radiosendung
Gedanken zum Schabbat im Programm, der BR die Radiosendung Schalom. Für Muslime gibt es keine klassische Verkündigungssendung. Das ZDF unterhält aber – allerdings nur im Internet –das journalistische Forum am Freitag. Im NDR erhalten die Buddhistische Gesellschaft Hamburg, die Zeugen Jehovas Deutschland oder der Geistige Rat der Bahá’i Sendezeit. Nicht vergleichbar ist dies aber in Zeit und Umfang mit den Sendungen für katholische und evangelische Kirche.

Am besten war das
Wort zum Sonntag immer dann, wenn es ganz bei sich war: Da steht jemand vorne und erzählt von der christlichen Botschaft, am Beispiel eines aktuellen Ereignisses. Dafür werden die Voraufzeichnungen oft weggeschmissen. Das Zugunglück von Eschede sei so ein Fall gewesen, erzählt Barbara Deifel-Vogelmann. „Danach hat mich eine Frau angerufen und mir gesagt, sie habe in Eschede ihre ganze Familie verloren. Aber meine Worte hätten ihr geholfen. Daran zeigt sich, welche Verantwortung man hat.“

Annette Zoch