Süddeutsche Zeitung, 13.11.2024

 

Das überschattet alles

Von Annette Zoch

Die Demonstranten haben nicht viel Platz an der Straße. Fahrradkuriere klingeln sie zur Seite, immer wieder müssen sie Fußgänger durchlassen. Auf ihren Warnwesten mit der Aufschrift „Vertuschung beenden“ perlt der Nieselregen ab. Trotzdem bleiben die etwa zehn Männer und Frauen stehen. Wenig Raum zu bekommen, das sind sie gewohnt. Als Kinder und Jugendliche wurden sie einst von Pastoren oder in Heimen der Diakonie sexuell missbraucht, seither kämpfen sie für Anerkennung. Auf der anderen Seite der Straße im Kongresszentrum tagt das oberste evangelische Kirchenparlament, die EKD-Synode.

Das Kirchenparlament ist zum ersten Mal zusammengetreten, seit vor zehn Monaten ein großes Forscher-Konsortium die erste umfassende Untersuchung zu sexueller Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie vorgestellt hat. Schon kurz nach der Studie hatten einige in der Kirche eine Sondersynode gefordert, stattdessen gab es eine Online-Tagung, die auf mäßiges Interesse stieß. Aber vielleicht wäre eine Sondersynode gut gewesen. Einen eigenen Raum, um über die Erkenntnisse zu diskutieren, sich selbst zu hinterfragen, sich das Leid wirklich zu Leibe rücken zu lassen. Wenn man sich in der Kirchenleitung umhört, heißt es: Aber wir diskutieren doch. In Ausschüssen, in den Akademien.

Doch gehört dieses Thema nicht mitten hinein in das oberste Kirchenparlament? Und zwar nicht nur in technischer Befassung über Maßnahmenpläne und abzuarbeitende Punkte, so wichtig die sein mögen? Zudem stand das so wichtige Thema in ungewollter Aufmerksamkeitskonkurrenz zur nicht weniger wichtigen Migrationsdebatte. Beabsichtigt oder nicht, es stellte sich der Eindruck des
business as usual ein. „Der Aufschrei ist ausgeblieben“, sagt auch Detlev Zander, der Sprecher des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt. Es ist jenes Gremium von Betroffenen, das in kirchliche Strukturen integriert ist, und das andere Betroffene deswegen ablehnen.

In ihrer Studie attestieren die Forum-Forscher der Kirche im Umgang mit Betroffenen schwere Mängel: Sie wurden pathologisiert, emotionalisiert und gegeneinander ausgespielt. Jene Betroffene, die sich der Logik der Kirche unterwarfen, wurden als hilfreich und konstruktiv aufgewertet. Jene, die sich distanzierten und die Kirche anklagten, wurden ausgegrenzt.

Für die Demonstranten auf der Straße organisierte die EKD ein „Awareness-Team“, eine „Anwältin des Publikums“, öffnete einen „Dialog-Raum“ – schönster flauschiger Kirchensprech, am Ende war es ein leerer Nebenraum. Im Foyer standen Sicherheitsleute. Man dürfe Betroffenen doch nicht mit Angst begegnen, sagt dazu Psychologin Julia von Weiler. Die Betroffenen haben alles Recht, unversöhnlich zu sein, auf Distanz zu gehen, die Institution anzuklagen. Das muss diese aushalten.

Unangemessen war es, wie das Synodenpräsidium einfach zur Tagesordnung übergehen wollte, nachdem Julia von Weiler die Anklagen der Betroffenen vorgebracht hatte. Einem einzelnen Synodalen war es zu verdanken, dass man wenigstens eine Pause einlegte. Hätte man es den Männern und Frauen auf der Empore nicht auch geschuldet, wenigstens ein paar Worte für sie zu finden?

Ein anderes Mitglied der Synode berichtete, wie das Thema Missbrauch teilweise in den Gemeinden wahrgenommen werde – „als noch so ein Krisenthema“. Doch es ist eben nicht einfach nur „noch so ein Thema“. Es überschattet alles, was die Kirche sonst tut, fordert und sagt.