rnz.de (Rhein-Neckar-Zeitung), 10.11.2024

 

"Der 9. November 1938 ist kein guter Ratgeber"

Sinsheim.

Gedenkfeier zur Erinnerung an die Reichspogromnacht: Die Lebensgeschichte von Ruth Steinfeld wurde erzählt.

(abc) Der Reichspogromnacht auf den 10. November 1938 gedacht haben die Stadt Sinsheim und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) sowie zahlreiche Gäste am Samstag auf dem Synagogenplatz. Vor nunmehr 86 Jahren hatten die Nationalsozialisten in einer deutschlandweiten Aktion um die 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe gestürmt und zerstört.

"Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zu Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit", hoben dabei Schüler des Wilhelmi-Gymnasiums und der Kraichgau-Realschule hervor.

Sie beteiligen sich bereits seit etlichen Jahren gemeinsam mit den Lehrkräften Jutta Stier und Barbara Grom an den Gedenkveranstaltungen – auch wenn sie, wie auch diesmal wieder, überwiegend von älteren Menschen besucht werden. "Ich dachte auch, dass dies ein Auslaufmodell ist. Aber dann haben wir besprochen, dass wenn man sich nicht mehr erinnert, die schrecklichen Ereignisse in Vergangenheit geraten oder sie verdrängt werden", warf eine Schülerin ein: "Sie zeigen nämlich, zu was Menschen fähig sind, was sie anderen antun können. Das Wissen um das Geschehen kann einen selbst schützen. Vor Unwissenheit oder dem Wegschauen, wenn Unrecht geschieht. Man muss immer wieder daran erinnert werden, man muss über dieses Schreckliche stolpern", sagte sie weiter.

Dahingehend wurden auch Gunter Demnigs Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete jüdische Mitbürger erwähnt, von denen der Künstler seit 1992 eine sechsstellige Zahl verlegt hat.

In der Folge wurden einige ehemalige jüdische Mitbürger Sinsheims aufgezählt, die in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ums Leben gekommen sind. Unter ihnen war auch der am 29. Dezember 1941 in Gurs verstorbene Max Kohn, dessen Schicksal eingehender beleuchtet wurde. "Der 9. November 1938 ist ein einschneidendes Thema in unserer Geschichte. Er steht für dunkle Zeiten, die wir als Volk durchleben mussten", machte Oberbürgermeister Marco Siesing deutlich, der erstmals an dieser Gedenkveranstaltung teilnahm.

Der gebürtige Hallenser verwies aber auch auf den Mauerfall am 9. November 1989 als Symbol der Wiedervereinigen von Ost- und Westdeutschland. Siesing sagte: "Der 9. November 1938 ist kein guter Ratgeber." Sein Dank galt allen Zuhörern sowie an der Gedenkfeier Beteiligten, zu denen neben diversen Vertretern der Kirchengemeinden auch der evangelische Posaunenchor gehörte.

Beschlossen wurde das Ganze mit einem Segensgebet, und wer wollte, konnte anschließend noch im Gewerkschaftshaus am Kirchplatz vorbeischauen. Dort erzählte unter anderem Jutta Stier die Geschichte der am 8. Juli 1933 in Sinsheim zur Welt gekommenen Holocaust-Überlebenden Ruth Steinfeld. Dank der gemeinnützigen Organisation "Oeuvre de secours aux enfants" (OSE) entkam sie der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten und hat vor wenigen Tagen Sinsheim besucht, um sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen.