Manchmal reichen Zeit und ein Ohr
Für andere Menschen in schwierigen Phasen da sein und viel über sich selbst lernen – das kann Seelsorge leisten. In Bad Krozingen beginnt im November ein neuer Ausbildungskurs für Ehrenamtliche.
Warum braucht es Seelsorge?
Wenn Menschen wochenlang relativ allein Patient in einer Reha-Klinik sind, wenn sich aufgrund des Gesundheitszustands sogar existenzielle Fragen stellen, dann kann Redebedarf entstehen. Die ökumenische Kur- und Reha-Seelsorge in Bad Krozingen bietet seit vielen Jahren in den hiesigen Reha-Einrichtungen kostenlose Beratungen an, besser: Begleitungen. Denn oftmals ist es einfach nur ein Zuhören, das helfen kann. Entsprechend wurde der Titel des nun beginnenden Ausbildungskurses gewählt: „Zeit schenken“.
„Patienten, die weniger Besuch bekommen oder die aufgrund geringerer Mobilität viel auf ihrem Zimmer sind, ihnen tut es gut, wenn jemand vorbeikommt“, sagt Philipp Fuchs, Pastoralreferent, Supervisor und Leiter der Seelsorge. „Das sind für die Patienten oft richtige Highlights.“ Es gehe dabei nicht um Krisenintervention. „Seelsorge bietet ein niederschwelliges Kommunikationsangebot, um zu schauen, was uns beschäftigt“, ergänzt Jürgen Fobel, Pfarrer, Supervisor und Studienleiter im Zentrum für Seelsorge Heidelberg.
Wer nimmt Seelsorge in Anspruch?
Bei weitem nicht alle Patienten haben Gesprächsbedarf. „Besonders schwierig, Kontakt herzustellen, ist bei Jüngeren, die ihre Reha etwa aufgrund eines Unfalls auf einer orthopädischen Station machen. Hier ist der Aufenthalt oft nur eine kurze, erzwungene Pause, bevor es im Leben weitergeht“, sagt Andreas Guthmann, Pfarrer und auch Leiter der ökumenischen Kur- und Reha-Seelsorge.
Anders sei es auf neurologischen Stationen. „Dort ringen manche stark mit dem Verlust des Gehens oder des Sprechens“, so Guthmann. Auf gereatrischen Stationen stellen die Seelsorger viele Auseinandersetzungen der alten Patienten mit ihrer Kindheit und gegebenenfalls ihrer Einsamkeit fest, nicht selten verbunden mit dem Wunsch, darüber mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Der Kontakt zwischen Seelsorger und Patienten erfolgt häufig über das Pflegepersonal in den Kliniken. „Dort kann man gut einschätzen, welche Patienten möglicherweise am meisten Redebedarf haben“, sagt Gabi Groß, Diakonin, Supervisorin und Seelsorgerin am Universitäts-Herzzentrum in Bad Krozingen. Außerdem bieten die Seelsorger regelmäßige Gesprächsmöglichkeiten auf den Stationen an. „Es ist wichtig, vor Ort präsent zu sein und ein einfaches Angebot zu machen“, sagt Andreas Guthmann
Wie ist die Kur- und Reha-Seelsorge aufgestellt?
Derzeit arbeiten zusätzlich zu drei Hauptamtlichen zehn Ehrenamtliche bei der Kur- und Reha-Seelsorge in Bad Krozingen. Letztere haben sich in einem gleichen Kurs vor fünf Jahren ausgebildet und sind seitdem im Einsatz. Im Durchschnitt zwei Stunden pro Woche. Mit dem nun bevorstehenden, zweiten Qualifikationskurs möchte die Kur- und Reha-Seelsorge sicherstellen, dass auch in den kommenden Jahren genügend Gesprächsangebote gemacht werden können und für keinen Ehrenamtlichen ein Gefühl zu großen Drucks entsteht. „Es ist ein Ehrenamt auf Zeit“, sagt Andreas Guthmann.
Welche Eigenschaften sollte man mitbringen?
Aus Sicht der hauptamtlichen Seelsorger sind es grundsätzlich zwei verschiedene Bereiche, die wichtig sind: der Blick nach außen zum Gesprächspartner, aber auch der Blick nach innen auf die eigene Person. Mitgefühl, Freude an Begegnung und an der Teilhabe an anderen Lebensgeschichten, Erfahrungen in zwischenmenschlicher Kommunikation, Neugier – all das biete eine gute Basis, um offen für andere zu sein. Grundlage aber dafür wiederum sei, dass Seelsorger auch in der Auseinandersetzung mit sich selbst sind. „Interesse am eigenen Gewordensein und der eigenen Geschichte sind wichtig“, betont Jürgen Fobel. Die Begegnung mit sich selbst wird auch in den Kursen gezielt angegangen. „Das betrachten die früheren Kursteilnehmer als großen Schatz, von dem sie auch in ihrem Privatleben profitieren“, sagt Andreas Guthmann.
Religiosität ist, auch wenn Qualifikationskurs und Seelsorge unter kirchlichem Dach stehen, keine Vorbedingung für die Kursteilnahme. „Aber Seelsorger sind im Auftrag des Herrn unterwegs“, sagt Philipp Fuchs.
Wie läuft der Kurs ab?
Beginnend mit dem Informationsabend am 21. November läuft der Kurs etwa ein Jahr, Treffen finden etwa einmal monatlich statt. Im ersten Teil geht es vor allem um die Grundlagen von Kommunikation und Begegnung. „Man bringt auch seine eigene biografische Prägung mit ein, sodass die Gruppe aneinander wächst und Vertrauen entwickelt“, sagt Jürgen Fobel. Im zweiten Halbjahr beginnen Hospitierungen, also erste eigene Besuche und Gespräche auf Stationen in Rehakliniken oder auch in Alten- oder Pflegeheimen, über die sich dann die Teilnehmer vornehmlich austauschen.
Nach dem Kurs erhalten die Kursteilnehmer ein Zertifikat und werden auf Wunsch für vier Jahre beauftragt. „Alle acht Kursteilnehmer von 2020 wollen auch nochmals beauftragt werden“, so Guthmann. Der nächste Kurs ist wiederum erst in fünf Jahren vorgesehen.Frank Schoch„Zeit schenken“ – Qualifizierungskurs für Ehrenamtliche der ökumenischen Kur- und Reha-Seelsorge in Bad Krozingen; Informationsabend am Donnerstag, 21. November, 18.30 bis 21.30 Uhr; Kosten 80 Euro; Anmeldung möglichst bis 18. November über andreas.guthmann@kbz.ekiba.de
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