Offenburger Tageblatt Offenburg, 02.11.2024

 

„Die Kirche ändert sich“

Mit Isabelle Gerber wurde erstmals eine Frau zur Präsidentin der Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche im Elsass und in Lothringen (UEPAL) gewählt: ein Porträt. VON REINHARD RECK

Straßburg. Es ist ein Zeitenwechsel bei den protestantischen Kirchen im Elsass. Zehn Jahre lang war Christian Albecker Präsident der Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche im Elsass und in Lothringen, der UEPAL (Union des Églises Protestantes d’Alsace et de Lorraine). Nun wurde mit Isabelle Gerber erstmals eine Frau für diese Position gewählt. Die 56-Jährige hat somit eine Funktion, die in etwa der einer deutschen Bischöfin entspricht. Die UEPAL hat rund 250.000 Mitglieder. In 400 Kirchen wird regelmäßig Gottesdienst gefeiert. 250 Pfarrerinnen und Pfarrer (Frauenanteil: 46 Prozent) verrichten ihren Dienst in 250 Gemeinden sowie auf Sonderpfarrstellen. Gerber fungiert auch als Präsidentin der Vereinigung der Lutheraner im Elsass und in Lothringen.

Ein langer Weg

Ihr Weg zu diesem hohen Amt in der Kirche war nicht von Anfang an vorgezeichnet, so die neue Präsidentin. „Als Kind war ich nicht stark mit der Kirche verbunden“, so Isabelle Gerber, die aus Hoenheim im Norden von Straßburg stammt: „Wir suchten mit der Familie nur zu Weihnachten das Gotteshaus auf.“ Das änderte sich etwas, als sie sich im Alter von 13 Jahren auf die Konfirmation vorbereitete. „Das hat mich schon bewegt, aber ich war recht rebellisch, stellte viele Fragen und zeigte auch meine Skepsis“, erinnert sich die Geistliche. Aber letztlich näherte sie sich der Kirche an und studierte dann Theologie. „Für mich war wichtig, dass Gott Ja zu allen sagt, ohne Bedingung.“

Gleichzeitig lasse er jedem seine Freiheit. Man könne zweifeln, aber gleichzeitig wissen: „Es ist gut, dass du existierst.“

Ihrer Darstellung nach sind die protestantischen Kirchen in der Region nicht wie in Deutschland durch viele Austritte gebeutelt: „Wir sind in einer relativ komfortablen Situation.“ Das hängt damit zusammen, dass im Elsass wie im lothringischen Département Moselle, damals zum deutschen Reich gehörend, bis heute nicht die 1905 im übrigen Frankreich eingeführte strikte Trennung zwischen Staat und Kirche existiert. „Unsere Geistlichen werden, wie auch in den katholischen und jüdischen Gemeinden, vom Staat bezahlt“, so Gerber. Auch gibt es Hilfe bei der Renovierung von kirchlichen Gebäuden, und Straßburg ist die einzige französische Stadt, in der es an einer staatlichen Universität eine katholische und eine protestantische Fakultät gibt.

Gleichwohl weiß Isabelle Gerber, dass man neue Wege suchen muss: „Die Gesellschaft ändert sich, und die Kirche ändert sich auch.“ So wurden neue Ämter geschaffen, um diesem Wandel Rechnung zu tragen. Das Leben in den Kirchengemeinden wird nicht mehr nur von den Pastorinnen und Pastoren geprägt: Es gibt „Animatoren“ vor Ort, Diakone, Assistenten für die Pastoren und „Evangelisatoren“ (Évangélisateurs), die die Verbindung zu den Gläubigen erleichtern sollen. Die Präsidentin ist sich der Tatsache bewusst: „Die Gottesdienste spielen bei vielen nicht mehr die zentrale Rolle wie früher.“ Auch würden längst nicht mehr automatisch alle Babys getauft.

„Wir müssen neue Wege finden, um unseren Glauben zu leben“. Denn gleichzeitig gebe es eine „Suche nach Spiritualität“. Die „Dimension der Transzendenz“ sei gerade für viele junge Leute von großer Bedeutung, auch wenn diese mit der Amtskirche vielleicht wenig anfangen könnten. Besonders zwei Aspekte hält Gerber für zukunftsweisend: zum einen die Stärkung der Rolle der Frauen, zum anderen die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen Glaubensgemeinschaften: „Wir können zusammen leben, selbst wenn wir in bestimmten Bereichen unterschiedliche Meinungen haben.“ Wichtig ist: „Wir müssen Mut zeigen, um den Glauben zu verkünden.“ Dieses konkrete Engagement für die Menschen vor Ort zeigt sich auch an den zahlreichen sozialen Aktivitäten der Kirche, beispielsweise in der Einrichtung „Cimade“ und in der Vereinigung „Casas“, die sich für Migranten und Flüchtlinge einsetzen.

Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit sieht die neue Präsidentin, die auch in Tübingen und Wien studiert hat, in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit etwa mit der Evangelischen Kirche in Baden: „Christus selbst war ein großer Grenzüberschreiter.“ So betonte Heike Springhart, evangelische Landesbischöfin in Karlsruhe, gleich nach Gerbers Wahl: „Ich freue mich darauf, mit ihr (Isabelle Gerber, Red.) weiter die sehr gute und enge Zusammenarbeit über den Rhein zwischen der Ekiba und der UEPAL zu pflegen und mit unseren Kirchen Grenzen zu überschreiten.“

Zu den gemeinsamen Projekten zählt die Straßburger Präsidentin nicht nur die Aktivitäten der 2023 neu eröffneten „Begegnungskapelle“ (Chapelle de la rencontre) im Straßburger Grenzviertel Port du Rhin, wobei die protestantischen Kirchen beiderseits des Rheins jeweils eine halbe Pfarrstelle finanzieren.

Große Hoffnungen setzt Gerber auch auf künftige Aktivitäten in der Friedenskirche im nordelsässischen Frœschwiller. Diese wurde 1870 im deutsch-französischen Krieg zerstört und schon 1872 wieder aufgebaut. Wenn alles klappt, soll dort unter deutscher Beteiligung ein „Zentrum der Erziehung für den Frieden“ aufgebaut werden. „Die Kirchen können viel zur Erhaltung des Friedens beitragen“, sagt Isabelle Gerber dazu.