BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN Bruchsaler Rundschau, 19.10.2024

 

„Ich fühle mich zur Pfarrerin berufen“

Gegen alle Widerstände: Wie eine Katholikin aus Bruchsal mit ihrem Lebenstraum ringt Nicole Jannarelli

Bruchsal (red). Es ist ein Wunsch, der unerreichbar erscheint. Marieluise Gallinat-Schneider möchte Pfarrerin werden. Bei der katholischen Kirche. Schon in der Kindheit habe sie sich das gewünscht und daran habe sich bis heute nichts geändert, sagt sie. In der Kirche engagiert sie sich trotzdem. In Bruchsal kennen sie viele als Gemeindereferentin der Seelsorgeeinheit St. Vinzenz. Heute kann Gallinat-Schneider offen über ihre innere Berufung sprechen, zum Beispiel bei einer Veranstaltung am 22. Oktober, und wie sie um ihren Platz in der katholischen Kirche kämpft.

Marieluise Gallinat-Schneider und Ruth Fehling, Pastoralreferentin in der katholischen Kirchengemeinde Waldbronn-Karlsbad, sind Mit-Autorinnen des Buches „Weil Gott es so will“. Darin erzählen Frauen von ihrer Berufung zur Priesterin oder zur Diakonin. Am Dienstag, 22. Oktober, werden beide über ihre Berufungen und über ihre Situation in der Kirche berichten. Die Veranstaltung findet im Pfarrsaal Sankt Paul in Bruchsal statt, Beginn ist um 19.30 Uhr.

Frau Gallinat-Schneider, welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?

Gallinat-Schneider: Von Anfang an war Pfarrerin einer dieser Berufswünsche. Neben Journalistin und Historikerin. Geschichte habe ich dann auch studiert.

Gab es da ein bestimmtes Erlebnis, das den Berufswunsch katholische Pfarrerin ausgelöst hat?

Gallinat-Schneider: Ich glaube, dass das schon immer eine innere Berufung war. Weil es völlig unlogisch und gegen alle Widerstände war und ist. Ich habe damals einfach gedacht, ich kann das auch. Ich kann Gottesdienste leiten und gestalten. Das bereitet mir eine wahnsinnige Freude. Ich komme aus einem Ort, der sehr evangelisch geprägt ist. Mein Vater war auch stark in der evangelischen Kirche engagiert. Dadurch kannte ich früh die ersten evangelischen Pfarrerinnen. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich nicht konvertieren soll. Für mich war klar, wenn ich katholisch bleibe, dann studiere ich nicht Theologie. Denn die Kirche will mich als Frau nicht.

Warum sind Sie nicht evangelische Pfarrerin geworden?

Gallinat-Schneider: Das kann ich selbst nicht bis ins Detail beantworten, was mich letztendlich abgehalten hat. Die Liturgie in der katholischen Kirche ist etwas Schönes und ich wollte eigentlich katholisch bleiben.

Mit solch einem Wunsch haben Sie doch sicher Zurückweisung erfahren?

Gallinat-Schneider: In der Jugend nicht, das kam erst im Studium. Zum Beispiel bei den Salzburger Hochschulwochen: da gab es Mitte der 1980er-Jahre einmal das Thema Frauen in der Kirche. Da haben wir ganz selbstbewusst gesagt: Wir wollen Pfarrerinnen werden. Ein Ordensmann ist mich regelrecht angegangen: ‚Wie kommen Sie auf solch eine Idee? Natürlich irrt man, wenn man solch eine Berufung empfindet.‘ Zwei Jahre später hat mir ein Studentenpfarrer gesagt: ‚Frauen, die so etwas wollen, wollen nur an die Macht.‘

Wie sind Sie mit solchen Situationen umgegangen?

Gallinat-Schneider: Auch wenn ich einen anderen beruflichen Weg einschlagen wollte, hat mich die Arbeit in der Kirche immer wieder angezogen. Irgendwann konnte ich meinen Wunsch akzeptieren, dass ich mich zur Pfarrerin berufen fühle. Damit war klar: Ich muss mich den Diskussionen mit den Männern stellen, aber ruhig und sachlich bleiben. Sonst komme ich nicht weiter.

Konnte man mit den Männern reden?

Gallinat-Schneider: Ich habe rasch Männer erlebt, die das nicht abgewertet haben. Aber in der Zeit von Papst Johannes Paul II. war das undenkbar. Er hatte sich ganz klar gegen Frauen als Priesterinnen ausgesprochen. Deswegen blieben solche Aussagen damals oft inoffiziell.

Sie sind selbst Teil des Systems geworden. Sind Sie damit auch Teil des Problems? Denn verändert hat sich ja nichts.

Gallinat-Schneider: Ich wollte meine Rolle, so gut es geht, ausfüllen und habe mich auf meine Arbeit vor Ort konzentriert. Aber mich haben die Fragen immer wieder eingeholt. Bin ich hier richtig? Ist das wirklich mein Weg? Ich bin in diesem System eingebunden, das mir meinen eigentlichen Wunsch verwehrt hat. Dann kam Schwester Philippa Rath auf mich zu, die berufene Frauen suchte, die über sich schreiben möchten. Da dachte ich: Wenn ich in diesem System bleibe, kann ich das nur, wenn ich nach vorn trete und zu dem stehe, was ich fühle.

Am Ende ist aus diesem Projekt ein Buch entstanden. Haben Sie die Hoffnung, dass Frauen wirklich Priesterinnen werden können?

Gallinat-Schneider: Gerade hat der zweite Teil der Weltsynode begonnen. Der Papst hat das Thema ausgeklammert. Aber mein Eindruck ist, dass sich das nicht mehr wegdrücken lässt. Ich habe Delegierte aus Lateinamerika und Südafrika bei einer Tagung in Leipzig gesprochen. Alle haben bestätigt, auch dort gibt es berufene Frauen. Das war wirklich ein starker Moment für mich. Wir sind nicht allein und das ist auch kein deutscher Sonderweg.

Mit einer Veranstaltung holen Sie das Thema jetzt konkret nach Bruchsal. Was erhoffen Sie sich davon?

Gallinat-Schneider: Der Dekanatsrat kam auf mich mit dem Wunsch nach solch einem Abend zu. Ich möchte über meine innere Berufung sprechen. Wie es mir ergeht, was meine Hoffnungen und Wünsche sind.

Was würde sich ändern, wenn Frauen Priesterinnen sein dürften?

Gallinat-Schneider: Gleichberechtigung täte unserer Kirche gut. Wenn das Männerbündische beendet wäre und Frauen und Männer gleichwertig zusammenarbeiten, schafft das aus meiner Sicht einen besseren Schutz vor Missbrauch. Aber man würde auch mehr Menschen erreichen. Kranke und sterbende Menschen zu begleiten, Menschen die Beichte abzunehmen, Gottesdienste zu gestalten – wir Frauen haben oft eine andere Art, damit umzugehen. Und ich spüre, dass es für manche Menschen gut wäre, wenn es beides gäbe.

Muss man, wenn man über Frauen als Pfarrerinnen redet, auch über das Zölibat sprechen?

Gallinat-Schneider: Ja. Deswegen ist für viele von uns der erste Schritt das Diakonat der Frau. Denn es gab in der Urkirche schon Diakoninnen. Dieses geistliche Amt könnte man meines Erachtens reaktivieren. Und wir haben mit den ständigen und verheirateten Diakonen ja jetzt schon eine Vorlage, wie das möglich sein könnte. Eine Priesterin im Zölibat zu sein, kann ich mir selbst nicht vorstellen.

Wie aufgeschlossen erleben Sie bislang die Bruchsaler?

Gallinat-Schneider: Ich habe viel Wohlwollen erfahren, gerade auch im Beerdigungsdienst. Da kommt manchmal die Frage: Warum dürfen Sie nicht unsere Pfarrerin sein? Aber es gibt andere, für die ist es mit ihrem konservativen Weltbild unvereinbar.

Die Entfremdung zwischen Kirche und Gesellschaft schreitet voran. Die Gemeinden werden kleiner, es gibt weniger Pfarrer. In der Erzdiözese reagiert man jetzt darauf mit einer Kirchenreform. Wie soll es weitergehen, wenn man die Themen Frauen in der Kirche, Zölibat oder Missbrauch ausklammert?

Gallinat-Schneider: In Deutschland wollten wir uns mit dem Synodalen Weg neu aufstellen. Doch genau das wurde von Rom geblockt. Hier in Bruchsal sehe ich das Problem, wie ich in dem Reformprozess den Menschen in dieser katholischen Kirche eine Heimat geben kann. Ich möchte mit meiner Person helfen, dieser Kirche vor Ort ein positives Angesicht zu geben. Aber darüber hinaus bin ich sehr hilflos, wie sich etwas ändern soll.