BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN Ettlingen, 09.10.2024

 

Die Menschen brauchen Hilfe

Wie der neue und alte Geschäftsführer der Diakonie im Kreis Karlsruhe die Gesellschaft sehen Rainer Obert

Ettlingen. 20 Jahre bei einem Arbeitgeber, das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Rüdiger Heger hat nach zwei Jahrzehnten als Geschäftsführer der Diakonie im Landkreis – im Wortlaut Diakonisches Werk der Evangelischen Kirchenbezirke im Landkreis Karlsruhe – nicht nur viel erlebt. Viel hat sich auch verändert, wurde entwickelt, musste neu aufgestellt werden.

Genannt sei exemplarisch der wichtige Bereich der Hospizarbeit, inzwischen mit Hospiz Arista Süd in Ettlingen und Nord in Bruchsal. Das war ursprünglich ein rein ambulanter Dienst, „wir haben es zum Hospiz entwickelt“, verdeutlicht Heger beim Gespräch mit ihm und seinem Nachfolger Achim Lechner in der Scheune der Diakonie in Ettlingen. Die Hospizarbeit ist nur einer der Bereiche, in denen dynamische Entwicklungen stattfanden. Beispiele gibt es viele. Etwa, dass aus dem kleinen Diakonie-Laden in Bretten inzwischen ein Sozial-Kaufhaus entstanden ist. Ein offenes Angebot. „Das Kaufhaus soll sich tragen.“

Dass die Arbeit Hegers zuletzt beim Festabend in der Ettlinger Stadthalle zur Übergabe der Geschäftsführung an Achim Lechner gewürdigt wurde, versteht sich. Ob von Landrat Christoph Schnaudigel (CDU) oder Oberbürgermeister Johannes Arnold (Freie Wähler). Eine wohltuende Würdigung sei es gewesen. Er könne „dankbar zurückschauen“. Sein Nachfolger bringt Stallgeruch mit. Will heißen, Achim Lechner kennt die Diakonie im Landkreis bestens. Als ausgebildeter Erzieher, dann dem Sozialpädagogik-Studium, dem Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sowie Stationen im Jugendamt, der Jugendsozialarbeit und Suchthilfe, leitete er seit 2012 den Brettener Standort des Diakonischen Werks.

Man kennt sich. Und natürlich wird Heger Lechner auch im Ruhestand mit Rat zur Seite stehen. „Ich habe seine Nummer eingespeichert.“ Doch sei der Übergang in die Geschäftsführerposition ohnehin fließend gewesen. „Ich konnte dir immer über die Schulter schauen.“ Dass es zu Hegers Anfangszeit noch etwa 50 Mitarbeiter waren und sich die Zahl bis heute knapp verdoppelt hat, verdeutlicht für sich schon den Bedarf nach Rat und Hilfen, nach Unterstützung der Menschen in schwierigen Situationen. Und da seien freilich die arbeitsintensiven Bereiche der Pflege in Heimen oder ambulant in eigener Trägerschaft sowie die Arista-Hospizarbeit nicht mitgerechnet.

Macher Rüdiger Heger geht freilich nicht ohne klare Erkenntnisse und teils deutlicher Kritik an Systemen in Deutschland, die auch das Diakonische Werk direkt betreffen. Sowie dem realistischen Blick auf mitunter galoppierende Probleme, die unsere Gesellschaft deutlich prägen. Dazu gehört der über die Jahre steile Anstieg des Beratungsbedarfs aufgrund psychischer Erkrankungen. In der Sozialpsychiatrie etwa stieg entsprechend die Zahl der Mitarbeiter von fünf auf 25. „Menschen können sich nicht mehr orientieren“, ordnet Achim Lechner ein. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung bereite Sorge. Bei der Erziehung seien Eltern verunsichert, ob sie es richtig oder falsch machen. Kinder und Jugendlichen würden unter am „Übermaß einfließender Informationen leiden“. Es sei immer sein Anspruch und der Diakonie gewesen, so Heger, zu schauen: „Wo sind Bedarfe, was wird gebraucht.“ Das reiche letztlich in den Angeboten über die ganze Lebenswirklichkeit hinweg von Kinderwunsch bis Hospiz. Neu hinzugekommen sind in Hegers Zeit auch die Tafelläden, aktuell zehn an der Zahl. „Wir haben starke Einbußen bei den Lebensmittelspenden“, wissen Heger und Lechner. Das liege etwa daran, dass jeder Discounter inzwischen Schnäppchenecken eingerichtet habe, Ware auf den Punkt bestellen und gute Ware außerhalb des Mindesthaltbarkeitsdatums „sicherheitshalber“ wegwerfen. Für Heger ist es mit Blick auf die deutsche Politik „eigentlich eine Schande, dass es die Tafeln braucht“. Die Migrationsberatung nimmt ebenfalls großen Raum ein. Lechner und Heger fehlt es im Bereich der Migration an einem klaren Konzept. Für die Menschen müsse klar sein: „So und so werden Ankommende betreut und so und so geht es weiter.“ Auch was die Sprachvermittlung angeht. Es müsse eigentlich viel früher und enger begleitet werden.

Das große Pfund des Diakonischen Werks ist jedoch, dass nach wie vor alle Beratungsleistungen und Hilfsangebote kostenlos sind. „Die Kunden zahlen nichts“, ist Rüdiger Heger froh. Auch wenn die Finanzierung nicht einfacher geworden ist. Die Kirchensteuer als ein Finanzierungsast werde auch künftig eher sinken. Inzwischen schaue auch die öffentliche Hand immer genauer hin. 70 bis 75 Prozent der Mittel kämen aus Förderungen (großteils vom Land oder Landkreis) oder Stiftungen, 20 Prozent aus der Kirchensteuer, dazu Spendenerträge. Und natürlich sei das zusätzliche Ehrenamt unerlässlich. Hier gebe es viele lobenswerte Beispiele, so Heger. Seien es die Fahrer für die Tafeln, bei der Schuldnerberatung tätige Menschen aus dem Finanzsektor oder in der Sozialberatung bei Antragsverfahren unterstützende Ruheständler. Wie kürzlich ein IT-Fachmann in Rente gesagt habe: „Mir geht es so gut, ich will etwas zurückgeben.“ Eine soziale Win-win-Situation. Umgekehrt komme auch von den Menschen, die Hilfe erhalten, viel zurück.