Ein Konflikt, sieben Perspektiven
Ein Jahr ist der Terrorangriff der Hamas auf Israel mittlerweile her. Seitdem hat sich auch das Leben in Mannheim verändert, was die Gesellschaft vor verschiedene Herausforderungen stellt. Sieben Menschen berichten, wie sich der 7. Oktober 2023 auf die Stadt ausgewirkt hat
Von Kai PlösserHeidrun Deborah Kämper, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim
Die Jüdische Gemeinde Mannheim (JGM), so berichtet die Vorsitzende Heidrun Deborah Kämper, sei seit dem Anschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 durch das „zunehmend israelfeindliche Klima“ einem „erheblichen Anstieg von Judenfeindlichkeit“ ausgesetzt. Das führt sie auch auf die vielen Demos in der Innenstadt zurück. „Judenfeindliche Beleidigungen, Hass und Hetze, der wir auf der Straße und im Internet ausgesetzt sind, sind die Folgen“, sagt sie.
Resultierend daraus habe das Sicherheitsbedürfnis innerhalb der Gemeinde zugenommen. „Angst und Sorge sind in der JGM gestiegen mit der Folge, dass immer wieder Mitglieder der Gemeinde nicht zum Gottesdienst kommen und Eltern ihre Kinder nicht zum Religionsunterricht schicken“, sagt Kämper.
Die Gemeinde sei dennoch um so viel Normalität wie möglich bemüht. Zudem sei sie zusammengerückt. „Gleichzeitig ist auch die Solidarität unserer Freunde und Freundinnen gestiegen. Das Interesse an der Gemeinde und an Geschichte und Gegenwart des Mannheimer Judentums ist groß. Wir hatten noch nie so viele Führungen wie in den letzten Monaten“, so Kämper.
Khalil Khalil, Arbeitskreis Islamischer Gemeinden Mannheim
„Wir können den Konflikt hier nicht lösen, aber was wir tun können, ist in Mannheim weiterhin an unserem friedlichen Zusammenleben arbeiten“, sagt Khalil Khalil, Vertreter vom Arbeitskreis Islamischer Gemeinden Mannheim (AKIG). Der 7. Oktober 2023 sei dahingehend für Mannheim besonders herausfordernd gewesen. Khalil baut weiter auf die „guten und vertrauensvollen“ Beziehungen zu den anderen Religionsgemeinschaften. Er spricht etwa das Forum der Religionen an. Die Aufgabe aller Beteiligten müsse es sein, mittels Dialog und Kooperation den Frieden in der Stadt zu stärken. „Wir dürfen keine Konflikte gegeneinander führen, sondern müssen gemeinsam unsere Beziehungen weiterentwickeln“, so Khalil.
Der Vorstand des Mannheimer Migrationsbeirates
„Wir sind in Mannheim in der glücklichen Lage, dass es eine lange Tradition der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften gibt“, heißt es vom Migrationsbeirat um Vorsitzende Zahra Alibabanezhad Salem. Der Beirat verweist dabei auf die Wichtigkeit der Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt und das damit verbundene Ziel für ein respektvolles Miteinander.
„Im Vergleich zu anderen Städten hat sich im vergangenen Jahr wieder deutlich gezeigt, dass der Zusammenhalt, den dieses Engagement fördert, unsere Stadt widerstandsfähiger gemacht hat.“ Es sei unerlässlich, dass Mannheim den Weg des interkulturellen und interreligiösen Austauschs weiter verfolgen müsse. „Denn nur durch Zusammenhalt können wir als eine vielfältige Stadtgesellschaft die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich meistern.“
Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht
„Der terroristische Anschlag der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023 und die anschließende Reaktion des Staates Israel haben weltweit zu heftigen Spannungen geführt, die auch in Mannheim deutlich zu spüren sind“, sagt Oberbürgermeister Christian Specht (CDU). Die vielen Kundgebungen und Gegendemos, die oft von außen in die Stadt getragen würden, „erzeugen eine aufgeladene Atmosphäre und schüren Unsicherheit“ in der Innenstadt. „Es ist schwer zu ertragen, dass immer wieder aus den Kundgebungen heraus insbesondere unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger verunglimpft werden“, betont Specht.
Der Oberbürgermeister erinnert gleichzeitig an die Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt. „Eine lange Tradition der interkulturellen und interreligiösen Verständigung, in der wir Konflikte offen ansprechen und friedlich miteinander diskutieren können“, erklärt er. Trotz aller derzeitigen Spannungen sei in der Stadt dennoch klar zu erkennen: „Der Zusammenhalt in Mannheim ist stärker als die Versuche Einzelner, unsere Stadt zu spalten.“ Specht appelliert: „An diesem gesellschaftlich wichtigen Zusammenhalt müssen wir auch in Zukunft gemeinsam weiter arbeiten!“
Ulrike Schäfer, Präsidentin des Polizeipräsidiums Mannheim
Die Präsidentin des Polizeipräsidiums Mannheim, Ulrike Schäfer, beschäftigen vor allem die vielen Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. Im Alltag der Polizei würden sie seit dem 7. Oktober 2023 eine „große Rolle“ einnehmen. Eine Vielzahl an palästinensischen und israelischen Symbolen sei seit dem Anschlag der Hamas auf Mannheims Straßen zu sehen.
„Die hochemotionalen Versammlungen fordern meinen Kolleginnen und Kollegen viel Sensibilität im Umgang mit den Versammlungsteilnehmenden, aber auch den Bürgerinnen und Bürgern ab, die sich durch die vielen Versammlungen eingeschränkt fühlen“, sagt die Präsidentin des Polizeipräsidiums.
Frank Schäfer, Leiter des Staatlichen Schulamts Mannheim
Der Nahost-Konflikt sei seit dem 7. Oktober 2023 ein Thema, das viele Schülerinnen und Schüler „emotional sehr bewegt“, sagt Frank Schäfer, Leiter des Staatlichen Schulamts Mannheim. „An vielen Schulen bestand für die Kinder und Jugendlichen Gesprächsbedarf, um Fragen zu klären, aber auch, um Betroffenheit zu äußern.“
Nicht zu unterschätzen sei „die Wirkmacht der seither annähernd täglich gezeigten Bilder und Berichte – stellenweise manipulativ verbreitet durch Social-Media-Kanäle“, so Schäfer. Dies führe zu Unsicherheiten, Ängsten und Fragen bei den Schülern, die die Lehrkräfte vor Herausforderungen stellten. Schulleitungen und Lehrkräfte hätten „von sehr intensiven Gesprächen zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften im Unterricht und in den Pausen“ berichtet. „Die Auseinandersetzung mit dem Thema verweist darauf, wie wichtig es ist, jungen Menschen Raum für Emotionen zu geben, und dass in der Schule weder Hass noch Vorurteile akzeptiert werden, sondern Empathie, Respekt und Toleranz eine zentrale Bedeutung im gesamten Schulleben darstellen“, betont Schäfer.
Ralph Hartmann, Dekan der Evangelischen Kirche Mannheim
„Terror, Gewalt und Kriegshandlungen in Israel und Gaza haben nach meiner Wahrnehmung auch den Frieden in unserer Stadt gestört“, sagt der evangelische Dekan Ralph Hartmann. „Jüdinnen und Juden in Mannheim sehen sich Anfeindungen gegenüber, die sie nicht gekannt und auch bisher nicht für möglich gehalten haben“, macht er eine „feindselige Stimmung“ in der Stadt aus. Bezeichnend sei, dass ein interreligiöses Friedensgebet auf dem Paradeplatz am 13. November 2023 öffentlich sowie medial kaum Beachtung gefunden habe. „Es ist unter diesen Umständen nicht selbstverständlich, dass zumindest unter den Verantwortlichen der interreligiöse Dialog im und um das Forum der Religionen Mannheim nie abgebrochen ist“, sagt Hartmann. Ziel müsse es bleiben, das friedliche Miteinander zu bewahren und sich nicht vom Hass und der Gewalt im Nahen Osten anstecken zu lassen. Der Dekan kündigt für 2025 eine gemeinsame „Meile der Religionen“ an. „Das stimmt mich zuversichtlich. Die Ereignisse haben uns tief erschüttert. Aber ich bin überzeugt, dass unser gemeinsames Fundament und unser Friedenswille stärker sind als Hass und Gewalt.“