Toxisches Selbstbild
Missbrauch Was folgt auf die Untersuchung in der evangelischen Kirche? Eine Fachtagung geht der Frage nach.
Elisabeth ZollStuttgart. Am Ende geht es nicht um Zahlen, sondern um Menschen, auch wenn die Zahlen zu sexuellem Missbrauch in der evangelischen Kirche viel Staub aufgewirbelt haben. 1259 Beschuldigte und 2225 Betroffene machte die im Januar vorgestellte Forum-Studie aus – als „Spitze des Eisberges“. Von 214 beschuldigten Personen und 300 Betroffenen geht die württembergische Landeskirche aus. Doch der Aussagewert der Zahlen ist begrenzt, das räumte bei einer Fachtagung der evangelischen Landeskirche auch Andreas Hoell vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim ein, das an der Studie beteiligt war. Es habe eine „Misskommunikation“ gegeben, am Ende der Studie hätten Auftraggeber und Wissenschaftler nicht mehr „mit einer Sprache gesprochen“.
An den Kernaussagen der Erhebung ändert das wenig. In allen Handlungsfeldern von Kirche und Diakonie gab es sexuelle Gewalt gegen Minderjährige. Und sowohl die föderalen Strukturen der Landeskirchen, die zu einer „Verantwortungsdiffusion“ und „Verantwortungsdelegation“ geführt haben, als auch das „Selbstbild einer demokratischen Kirche“, in dem das Nähe-Distanz-Verhältnis verwischte, haben die Verbrechen begünstigt, so Hoell.
Es geht nicht um Einzelfälle. Das Ausmaß ist erheblich. Das betont auch Pfarrer Dirk Schäfer, seit 15 Jahren Gesprächspartner für Betroffene. Es habe viel Schweigen in der theologischen Wissenschaft geben und: „im Kirchenvolk“. Schäfer spricht von einem toxischen Dreiklang: Kinder schänden, Zeit schinden, Finanzen schönen und fordert eine staatliche Untersuchungskommission.
Die ist nicht in Sicht. Und so liegt die Aufarbeitung bei den Kirchen. Die Studie habe „Schneisen geschlagen“, formuliert Prälatin Gabriele Wulz. „Wir verstehen heute mehr, wie das System funktionieren konnte und können uns nicht mehr herausreden.“ Während in der katholischen Kirche hierarchisches Machtgefälle Missbrauch begünstigte, war es evangelischerseits die flache Struktur. Wulz: „Kein System ist ohne Einfallstor.“
Die Frage ist: Was den Erkenntnissen folgt. Regionale unabhängige Aufarbeitungskommissionen sollen mehr Licht ins Geschehen bringen, die Arbeit im Betroffenenforum gehe weiter, auch das Thema Prävention. Konkret dürfte es auch bei der EKD-Synode im November werden, wenn über die Änderung des Disziplinarrechts befunden wird und ein einheitliches System der Anerkennungsleistung auf das Gleis gestellt werden soll. Die Arbeit hat erst begonnen, sagt auch Ursula Kress von der Fachstelle sexualisierte Gewalt. „Es geht nicht darum, ob wir gut dastehen wollen, sondern, ob wir noch in den Spiegel schauen können als Institution.“ ⇥Elisabeth Zoll