Vier halten sich seit 500 Jahren
Mit acht Stücken fing es an, heute haben 535 Lieder ihren festen Platz im Stammteil des evangelischen Gesangbuchs. Bezirkskantor Jörn Bartels verrät, warum es ihm das Lied Nummer 369 besonders angetan hat.
Emmendingen Der 500. Geburtstag des evangelischen Gesangbuchs ist der Anlass für eine kleine Gottesdienstreihe, die Bezirkskantor Jörn Bartels initiiert hat. Im Gottesdienst der Stadtkirche am kommenden Sonntag, 29. September, geht es ab 10 Uhr um den Choral „Vater unser im Himmelreich“, einem Luther-Lied, dessen neun Verse Hans Leo Hassler (1564-1612) in Motettenform vertont hat. Vorgetragen wird es von Pascale Jonczyk (Sopran), Maren Stümke (Alt), Klemens Mölkner (Tenor) und Jörn Bartels (Bass). Der Bezirkskantor spielt zudem die Orgel, Uwe Schlottermüller den Bass-Dulzian, eine Urform des Fagotts. Zudem leitet Schlottermüller den Renaissance-Blockflötenkreis. Robert Stein spielt die Gambe. Hintergrundinformationen zu den gesungenen Stücken steuert Dekan Rüdiger Schulze bei, der auch durch den Gottesdienst führt.
Das heutige Gesangbuch geht auf ein Acht-Lieder-Buch zurück. „Insofern war es noch kein typisches evangelisches Gesangbuch, das da von Johann Walter, einem guten Freund von Martin Luther, herausgegeben wurde“, sagt Jörn Bartels. Tatsächlich waren darin nur acht Lieder, darunter bekannte, wie Luthers „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“. „Und es war sogar ein mehrstimmiges Chorgesangbuch“, ergänzt der Bezirkskantor. Vier Lieder von damals haben sich bis heute im Gesangbuch ihren Platz erhalten. Das sind „Nun freut euch, lieben Christen g´mein“, „Es ist der Heil uns kommen her“, „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ und das erwähnte „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“, die entweder Luther oder Paul Speratus komponiert haben, zählt Bartels die Titel auf.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden nur wenige Lieder aus dem Buch gestrichen, ein, zwei schätzt der Bezirkskantor. Hinzugekommen sind dagegen eine Menge: Heute gibt es 535 Lieder im Stammteil, den alle Landeskirchen gemeinsam haben. Und um die 100 Lieder, die sich im badischen Anhang befinden. „2030 wird es ein neues evangelisches Gesangbuch geben. Und das ist auch für die Online-Nutzung zugänglich“, blickt Bartels in die Zukunft. Dann wird in den Gemeinden nur noch ein kleinerer Teil des Liedbuchs in Papierform ausliegen. „Online werden dann 1500 Lieder abrufbar sein“, sagt Bartels, der vermutet, dass die Kirchgänger über einen QR-Code mit ihrem Handy die Texte und Melodien abrufen werden. „Und für alle, die während des Gottesdienstes auf ihr Handy verzichten, könnten die Texte per Beamer auf die Kirchenwand geworfen werden“, sagt Bartels. Auch für die Organisten werden die Papiernoten dann wohl seltener zum Einsatz kommen. „Für den Organisten wird sein Tablet dann zum Notenpult. Damit kann er die Sätze in verschiedenen Tonarten aus seinem Computer fischen, was ihm eine größere Freiheit bietet, weil er dadurch einfach große Materialmöglichkeiten hat“, so der Bezirkskantor weiter.
Schon jetzt gibt es neben dem traditionellen Liederbuch ein neues, das 2018 erstmals erschienen ist. Unter dem Titel „Neue Lieder“ sind darin 224 jüngere Stücke zusammengefasst und Bartels freut sich, dass darauf schon jetzt genauso häufig zugegriffen wird wie zur Jubiläumsausgabe: „Bei uns sind beide Bücher gleichberechtigt. Es hängt immer auch ein bisschen an den Pfarrerinnen und Pfarrern, die gerne die Lieder aussuchen, die zu ihrer Predigt passen oder zur Veranstaltung, um die es geht.“ Bei den neueren Stücken greift Bartels gerne auf den Flügel zurück, der in der Stadtkirche steht: „Die modernen und auch rhythmusbetonten Lieder lassen sich damit besser begleiten. Sie kommen einfach besser auf dem Flügel.“
Nicht lange überlegen muss der Musiker, aus den über 500 Liedern seinen Favoriten zu nennen. „Ganz klar Lied 369, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, ein altes Lied um 1600. Mir gefällt die Melodie, sie ist sehr originell. Zum einen erkennt man sie gut wieder, aber sie ist eben auch nicht so 08/15. Und der Text spricht mich sehr an: Man darf vertrauen, dass es einen höheren Geist gibt, man mag ihn auch Gott nennen, mit dessen Unterstützung es gut laufen wird.“Ulrike SträterWeitere Termine: Sonntag, 29. September, 10 Uhr, Stadtkirche, das gesungene Gebet; Sonntag, 6. Oktober, 19 Uhr, St. Bonifatius, ökumenischer Evensong, tröstliche Abendlieder; Donnerstag, 31. Oktober, 18 Uhr, Stadtkirche, Lieder der Reformationszeit
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