„Schaut, was Positives passiert“
Elisabeth Hartlieb ist Beauftragte für Flucht und Migration bei der Evangelischen Landeskirche. Vor ihrem Vortrag in Bad Säckingen erzählt sie im Interview, warum in Migrationsdebatten Hoffnung fehlt.
Frau Hartlieb, Sie sind bei der Evangelischen Landeskirche für Flucht, Migration und das christlich-islamische Gespräch zuständig. Wie blicken Sie auf den aktuellen Diskurs zur Migrationspolitik?
Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte. Durch die Art und Weise, wie rechtspopulistische Propaganda die Stammtischhoheit gewonnen hat, sind wir in fast irrationale Debatten gerutscht, die nicht zu Problemlösungen beitragen. Das Schutzbedürfnis von geflüchteten Menschen wird nicht mehr in den Blick genommen, stattdessen wird nur noch von irregulärer Migration gesprochen. Inzwischen fordern auch Gewerkschaften und viele weitere Akteure eine sachliche Debatte: Was ist machbar und realistisch? Und vor allem: Was ist im Rahmen unserer Rechtsstaatlichkeit?
Wie beeinflussen diese Debatten die ehrenamtliche Unterstützung vor Ort?
Wir merken, dass die aktuelle Debatte nicht spurlos an unseren Ehrenamtlichen vorbeigeht. Sie werden gefragt, was sie da eigentlich machen und ob nicht schon genügend Flüchtlinge da sind, sie bekommen Sprüche wie „Das Boot ist voll“ zu hören. Das braucht Energie, sich dem entgegenzustellen und das zu entkräften.
Wie und was kann dem entgegnet werden?
Uns als Landeskirche ist es wichtig, immer wieder die Verbindung zu unserem Verkündigungsauftrag zu betonen: Beim Umgang mit Geflüchteten geht es um praktizierte Nächstenliebe. Es ist uns auch ein Anliegen, auf Positivbeispiele zu schauen: Mittlerweile arbeiten über 60 Prozent der Menschen, die 2015/2016 gekommen sind. Das muss man sich auch mal klarmachen.
Passend zu diesem Blick auf das Positive lautet der Titel ihres Vortrags, den Sie in Bad Säckingen halten, “Neue Hoffnungsräume". Was meinen Sie damit?
Wenn wir Handlungsperspektiven entwickeln, brauchen wir immer auch die Hoffnung als Kraft. Meine Lieblingstheologin Dorothee Sölle sagt: „Wir können uns den Luxus der Hoffnungslosigkeit nicht leisten.“ Es gibt Menschen, die sich von Krisen so beeindrucken lassen, dass es ihnen schwerfällt, Zuversicht zu bewahren. Da müssen wir den Blick wenden. Es ist wichtig, dass wir nüchtern auf die Welt blicken und uns informieren – aber zu allem Wissen gehört auch eine Hoffnungsperspektive: Zum Beispiel, dass Menschen, die zu uns kommen, eine Chance und eine Bereicherung sind. Auch wenn es erst mal nicht einfach ist an manchen Stellen.
Mit Blick auf die aktuellen Debatten: Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht, dass sich der Diskurs ins Gegenteil umkehrt?
Es ist unsere Aufgabe, die Hoffnung zu benennen und nicht einzustimmen in eine defensive Politik, die auf Abschottung und Verschärfung setzt. Ja, die Herausforderung ist da, aber wir sehen auch die vielen Beispiele von Menschen, die für uns eine ganz wichtige Arbeit machen, etwa in Pflegeberufen, Mangelberufen oder Handwerksbetrieben. Wir haben immer wieder Hoffnungsgeschichten erzählt – und das machen wir weiter. Wir wünschen uns, dass das gesehen und mehr beachtet wird. Das ist auch der Blick der Interkulturellen Woche: Schaut auf das, was Positives passiert.
Gibt es lokale Leuchtturmprojekte, die als Beispiel dienen?
Es braucht nicht nur einen großen Leuchtturm, sondern viele kleine Straßenlaternen. Ein wichtiger Bereich ist, dass wir mit unserer kirchlich-diakonischen Fachberatung in schwierigen Fällen weiterhelfen und bei rechtlichen Fragen unterstützen. Wir arbeiten grundsätzlich daran, dass die Beratung von Geflüchteten gut ist. Indem wir Ehrenamtliche haben, die sie begleiten und sie bei ihrer Integration unterstützen. Indem wir Kontakte bahnen, zu Behörden mitgehen, bei Hausaufgaben helfen. Dass wir bei Kontakt zur Bevölkerung unterstützen, etwa mit Begegnungscafés. Das sind die einfachen Mittel, die wir seit Jahren kennen: Gemeinsam kochen, gemeinsam Musik machen. Unterstützung im alltäglichen Leben – das versuchen wir zu bestärken. Und das in möglichst vielen Gemeinden vor Ort.
Gibt es dabei Unterschiede zwischen Städten und dem ländlichen Raum?
Es ist letztlich immer eine Frage, ob es Menschen gibt, die Unterstützungs- und Kontaktarbeit leisten wollen. In sehr großen ländlichen Gebieten machen die Entfernungen die Kontaktaufnahme aufwendiger. In Groß- und Mittelstädten geht es insofern besser, entscheidend ist aber, dass es Leute aus den Gemeinden gibt, die sagen: Ich mache das mal zum Thema. In Bad Säckingen gibt es jedes Jahr die Interkulturelle Woche. Das ist Bewusstseinsbildung. Und das ist genauso wichtig für unsere Arbeit mit Zugewanderten und für die Integration wie ein Begegnungscafé in einer Kleinstadt. Beides braucht es! Lukas Müller
Der Vortrag „Hoffnungsräume – ein anderer Blick auf Seenotrettung, Flüchtlingspolitik und Nächstenliebe“ von Elisabeth Hartlieb im Rahmen der Interkulturellen Woche findet am Freitag, 27. September, um 18.30 Uhr im Schloss Schönau in Bad Säckingen statt.
![]() |
![]() |